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Das erste Mal war ich mit einem Ungarn verheiratet. Er ist der Vater meiner beiden Kinder. Ich hatte davor nie bewusst ein ungarisches Wort gehört und keine Vorstellung von der Sprache. Und ich hatte auch keine Vorstellung von der Mentalität der Ungarn.

Als ich ihn das erste Mal mit seinem Bruder in Budapest telefonieren hörte, war ich über den Klang der Sprache derart überrascht, dass ich loslachen musste und mich fragte, ob das eine Sprache ist? Ja, ich war noch sehr jung – 21, um genau zu sein. Dafür ist mir der Klang der Sprache inzwischen so vertraut, dass ich ungarisch erkenne, wenn ich andere so sprechen höre.

Sollte dir die Sprache auch fremd sein, hier kann man sie hören:

Auch wenn ich keine Ahnung habe, worum es da im Grunde geht und was gesagt wird. Denn, ungarisch hab ich nie gelernt, obwohl ich durchaus guten Willens war. Nur soviel: Magyar heißt (u.a.) ungarisch (weitere Bedeutungen siehe, Seite 3).

Ja, in der ersten Begeisterung, als wir das erste Mal umgezogen waren – nach Bad Aibling – und ich das erste Kind erwartete, suchten wir eine Buchhandlung auf und es wurden zwei Bücher angeschafft, mit deren Hilfe ich glaubte, ungarisch lernen zu können. Mein erster Mann war auch guter Dinge, dass ich es lernen könnte. Ich merkte rasch, dass ich mir die Zähne ausbeiße daran. Im Ungarischen werden z.B. Sätze mit Hilfe von Suffixen (Endungen) gebildet, was für mich als Deutsche völliges Neuland war. Aber es ist – seit damals auch mir – bekannt, dass es grundsätzlich sehr schwer ist, diese Sprache zu erlernen, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Ich gab schließlich auf.

Da mein erster Mann viele unangenehme Erinnerungen in Bezug auf seine Heimat in sich trug, weigerte er sich, mit unseren Kindern ungarisch zu sprechen, so dass sie auf diese Weise spielend die Sprache lernen könnten.

Viel später, als wir (1990) bereits in heftigen Kämpfen auseinander gegangen waren, machte sich meine Tochter daran, ungarisch zu lernen. Zuerst mit einem gebildeten Ungarn in München, der bereits in Rente war und sich gerne ohne Gegenleistung noch sinnvoll betätigen wollte; später als Nebenfach an der Uni. Sie kam immerhin soweit, dass sie 2007 zu einem Sprachaufenthalt in Ungarn war. Aber letztlich ließ sie es auf sich beruhen, da sie den Eindruck hatte, einfach nicht mehr so weit zu kommen, dass sie sich wirklich auf ungarisch mit jemandem unterhalten kann, wenn sie nicht sehr viel mehr Zeit und Aufwand investiert hätte. Die Sprachschüler, denen sie begegnete und die es konnten, hatten ungarische Wurzeln und sind mit der Sprache aufgewachsen.

Ungarisch gehört zu den finnugrischen Sprachen, was bedeutet, dass es auch mit finnisch verwandt ist. Für meine Ohren klang es stets extrem fremd. Was mir davon geblieben ist, sind ein paar ganz wenige Ausdrücke:

viszontlátásra, manchmal auch einfach nur visz’ro (Aussprache, auf blauen Pfeil klicken) – Auf Wiedersehen
nem tudomich weiß (es) nicht
igenja
persze – Aussprache (Klick auf das Mikro-Zeichen) und Bedeutung hier

Die ungarische Mentalität unterscheidet sich sehr von der Deutschen, wobei ich nur Klischees nennen kann, die ich teilweise so erlebte, aber selbstverständlich nicht verallgemeinert werden können: Stolz, unzuverlässig, laut, erzählen gern das Blaue vom Himmel und übervorteilen dich, wenn sie irgend können. Das kann man natürlich auch von der anderen Seite her betrachten, nämlich, dass sie mit vielem einfach lässiger umgehen als Deutsche, nicht alles so wahnsinnig ernst nehmen und das Leben lieber genießen und dabei auf sich schauen.

Aber vielleicht hast du dich beim Lesen bis hierher gefragt, warum ich heute darüber nachdenke und schreibe?

Ich stoße heute auf eigene Beziehungsmuster, die mich u.a. daran erinnern, dass ich als Jugendliche sagte, ich werde nie einen deutschen Mann heiraten. So war meine erste Liebe ein Luxemburger, mein erster Ehemann eben Ungar und wie ihr wisst, ist mein zweiter Mann Schweizer. Und das alles hat durchaus damit zu tun, dass es mir leichter fiel, mich auf „Fremdes“ einzulassen und Nähe dann zuzulassen, wenn ohnehin auf gewisse Weise eine Distanz vorhanden war, zunächst örtlich, dann aber auch in der Mentalität.

Interessant daran ist, dass ich nun in der Schweiz mit Menschen lebe, die eher bekannt für ihre Diskretion und Neigung zur Distanz sind, wenn es darum geht, mit „Fremden/Fremdem“ in ihrer Heimat umzugehen. Als Deutscher mit Schweizern warm zu werden, ist grundsätzlich – was man auch nicht verallgemeinern kann – nicht ganz einfach. Ausnahmen bestätigen die Regel und sind zum Glück in meinem nächsten Umfeld.

Ich denke also, wenn es mir gelingt, die innere Distanz zu anderen in der Schweiz „aufzuheben“, dann könnte es sein, dass ich das Thema damit wirklich ganz gut bewältige.

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