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Buchcover Der Junge, der Träume schenkte

Dieses Buch hat mich die letzten zwei Wochen begleitet. Heute Morgen hab ich es fertig gelesen und bin zutiefst berührt. Was für eine Gabe Worte zu gebrauchen… Das Ende wartet mit so gezielt und gekonnt gesetzten Worten auf, dass ich hingerissen bin.

Anfangs war ich etwas enttäuscht, dass der Inhalt des Buches – für mein Gefühl ganz entgegen dem, was mich das Cover erwarten ließ – mit starken Gewaltszenen einhergeht. Die Gewalt kam mir unangenehm nah, weil es gar nicht möglich ist, distanziert zu bleiben, so wie das Buch geschrieben ist.

Erst mit der Zeit begann ich zu begreifen, was mir hier für ein geniales Psychogramm geliefert wird, das unheimlich packend ist und in die menschlichen Abgründe hinein leuchtet. Und wie das Buch ganz nebenbei vermittelt, dass es immer verschiedene Möglichkeiten gibt, aufgrund eines scheinbar prädestinierenden Umfeldes seine Lebensentscheidungen zu treffen.

Das begegnete mir hier in Form zweier Männer und zwar nicht auf die klassische Schwarz-Weiß-Art. Auch der scheinbar Gute der beiden hat Phasen, wo er sich treiben lässt und scheinbar im Sumpf seines New Yorker Viertels absackt, so dass man für und mit ihm fiebert, wo es mit ihm hingeht. Der scheinbar Böse wird so von innen heraus sichtbar, dass ich nicht anders konnte, als mich auch mit ihm streckenweise zu identifieren und zu verstehen…

Und damit war mir das Buch gerade wertvolle Entwicklungshilfe. Ich kam in Kontakt mit einer tiefen und alten Wut; spürte noch einmal, wie sich extrem angestaute Wut anfühlt, wenn sie sich blindlings in grausamer Verletzung und Verstümmelung oder gar Tötung entlädt. Das Blut, der Tod, scheinen die einzige Erlösung für diese Wut, ohne dass da irgendein Raum ist für das Wahrnehmen der Schmerzen des Opfers in Körper und Seele.

Ich fragte mich innerlich, woher eine solch grenzenlose Wut gespeist werden kann, wenn nicht durch Lebensumstände wie die des hier geschilderten „Bösen“. Und ich erhielt eine Antwort, über Nacht, im Traum. Und begann – für mich – zu verstehen… Es wird noch dauern, bis alles, was das Buch in mir angesprochen hat, verdaut und umgesetzt ist, aber welche Rolle spielt Zeit, wenn innerlich spürbar ist: Das ist der richtige Weg, so weiter. Es muss innen stimmen.

Und so entwickelt sich im Buch auch die weibliche Hauptperson über Besudelung mit Gewalt, völlig unempathische bzw. durch Abwesenheit glänzende und in Bezug auf ihr eigenes Leben hilflose Bezugspersonen, Abdriften in Zustände, die sie in die Nervenheilanstalt als Zufluchtsort bringen, letztlich zu einer jungen wunderschönen Frau, die nicht nur Frieden mit dem findet, was ihr zugestoßen ist. Indem sie zunächst kapituliert vor ihrem Unvermögen, Glück – das sich ihr darbietet – anzunehmen, weil sie es nicht zu verdienen glaubt, spürt sie sehr deutlich: Ich bin noch nicht so weit. Sie muss ihren ganz eigenen Weg gehen. Über die Fotografie als Beruf und Berufung und wohlmeinende Förderer entwickelt sie sich weiter. Ihr wird der Raum zugestanden, den sie benötigt, ohne dass ihre Förderer wüssten, warum diese junge Frau sich so eigentümlich und launisch verhält.

Letzten Endes begegnet sie ihrem ursprünglichen Peiniger noch einmal Aug in Auge und spürt, dass etwas in ihr passiert. Zunächst ist da nur Panik; als sie aber seine Angst wahrnimmt (entdeckt, verhaftet und auf dem elektrischen Stuhl zu Tode gebracht zu werden, wie seine Albträume es ihm wieder und wieder prophezeien), löst sich ihre Angst darin auf und sie ist in der Lage, aus ihrem inneren Gefängnis hinaus zu treten.

Während der Wagen durch die Straßen brauste, blickte Ruth nicht hinaus. Ihr stand nicht der Sinn danach, die Stadt wiederzuentdecken, in der sie geboren und aufgewachsen war und der man sie entrissen hatte. Die Stadt, in der man ihr Gewalt angetan hatte und in der ihre einzige große, ihre einzig mögliche Liebe geboren war.

Mein persönliches Urteil, trotzdem mich das Buch große Strecken leiden machte:
5 von 5 möglichen Sternen.

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