Schlagwörter

, ,

Die letztens hier angekündigte Zusammenarbeit mit Uli vom Blog Lebenswege hat sich recht umfangreich angelassen, inzwischen viel Arbeit aber auch Spaß gemacht und heute können wir stolz unseren Teil 1 präsentieren.

Wir freuen uns über das bereits angeklungene Interesse an unserem Projekt. Lebendiger Austausch ist gewollt und erwünscht, auch wenn uns bewusst ist, dass wir euch relativ hohe Textmengen zumuten. Aus diesem Grund haben wir einen ersten Cut gemacht, den Teil 1 damit besiegelt und Weiteres für spätere Teile vorgesehen.

Ulis Partner-Beitrag mit seiner Einleitung findet ihr hier… (außer der Einleitung ist der Beitrag identisch)

Und jetzt: Viel Freude beim Lesen und Schauen…

01 Märzenbecher 25.02.2011_1,2 MB

Gespräch 1: Kennenlernen

Uli: Was erhoffst du dir von unserem Gespräch bzw. was hat dich dazu motiviert an diesem Gespräch teilzunehmen? Ich war mir nicht sicher, ob du wirklich dabei mitmachen würdest. Umso mehr hab ich mich gefreut, als du zugesagt hast. Ich hatte unheimlich viel Spaß dabei, alles für unser Gespräch vorzubereiten. Und endlich gehts los. Meine Fragen stapeln sich schon und ich muss aufpassen strukturiert zu bleiben und nicht alles auf einmal zu fragen.

Marion: Nun, du hast den Impuls dazu gegeben und ich mag mich gerade drauf einlassen, weil ich in den letzten Tagen (vor unserem Start) einiges auf deinem Blog gelesen habe, das Bereiche betrifft, die mich auch interessieren bzw. mit denen ich mich intensiver befasst habe. Ich erhoffe mir davon eine wohlwollende Kommunikation in gegenseitiger Achtung, bei der beide von den Erfahrungen des anderen inspiriert werden und unsere Leser vielleicht auch. Mal sehen, was dabei heraus kommt…

Wie bist du auf die Idee zu diesem Gespräch gekommen? Was treibt dich an? Warum mit mir? Was erhoffst du dir von dem Gespräch?

Uli: Die Idee ist sehr spontan gekommen. Mir hat unser Austausch in den Kommentaren gefallen. Dann hab ich immer mehr auf deinem Blog gelesen und den Eindruck gewonnen, dass wir uns auf einer ähnlichen Lebensbahn befinden (spirituell); dass du vertrauenswürdig bist (SEHR wichtig!); dass ich vieles von dir lernen kann. Du hast dich schon mit vielen Themen beschäftigt, von welchen ich bisher nur gehört habe (oder noch gar nicht gehört). Und als du dann die interessante Antwort auf das Happiness Projekt gegeben hast, wollte ich unbedingt genauer verstehen, wie du es gemeint hast und was da bei dir dahinter steht. Ich wollte das nicht als Kommentar-Austausch weiterführen, das wär im Chaos untergegangen. Und da ich sowieso meine Leser an meinen Einsichten teilhaben lassen möchte, hat es sich geradezu angeboten, einen gemeinsamen Dialog in Beitragsform zu machen.

Sicherlich wurde die Idee auch davon beeinflusst, dass ich gerade an meinem ersten Interview für meinen Blog arbeite. Unser Gespräch ist ja eigentlich wie ein Interview, nur dass wir uns gleichzeitig gegenseitig interviewen. Dazu kommt noch, dass ich gerade in einer Phase bin, wo ich versuche mich mehr zu öffnen und mutiger zu sein (mehr dazu vielleicht später). Ich habe in unserem Gespräch die Chance für ein interessantes Experiment gesehen: Was passiert, wenn zwei völlig fremde Menschen sich treffen, voneinander nur wissen, dass sie ähnliche Interessen haben und in Anonymität und Offenheit sich austauschen. Es ist fast so, als ob sich zwei Seelen zum Austausch treffen. Da steht nichts zwischen uns, kein Konkurrenzdenken, keine sexuelle Anziehung oder Abstoßung, keine versteckten Absichten, keine Beziehungsprobleme oder Altlasten. Ob ich tatsächlich dieses hohe Ziel in unserem Gespräch halten kann, weiß ich nicht, ich bin aber schon gespannt, wie sich unser Gespräch entwickelt. Und unsere Leser können daran teilhaben.

Ein weiterer Grund war, dass ich gerade viel überlege, wie es in meinem Leben weitergehen soll. Ich würde das als eine “Midlife Crisis” beschreiben, empfinde es aber als eine (meistens) positive Neuorientierungsphase in meinem Leben. Wie Robert Betz schon sagt, im Alter zwischen 30 und 50 beginnt das richtige (bewusst entschiedene) Leben. Da ist so ein Dialog in Schriftform ideal geeignet, zu reflektieren und mich mit dir darüber auszutauschen. Ich erhoffe mir daraus mehr Klarheit für mich selbst.

Ich denke, wir sollten es unseren Lesern einfach machen und uns kurz vorstellen, damit sie wissen, wer sich hier eigentlich unterhält. Schließlich kennen deine Leser mich nicht und meine Leser dich nicht. Wir sollten auch ein paar Eckdaten von uns offenbaren, da manche unserer Aussagen erst im Kontext einer echten Person richtig zur Geltung kommen.

Marion: Gut, einverstanden.

Uli: Ich mach dann mal den Anfang.

Ich bin Uli, männlich, werde dieses Jahr 37 Jahre alt, bin Ingenieur im Software-Bereich, bisher unverheiratet und ohne Kinder (habe jedoch zwei wundervolle Nichten, 3 und 6 Jahre alt) und lebe in Süddeutschland.

Wie es der Zufall (Schicksal?) wollte, bin ich die letzten 15 Jahre beruflich und privat in vielen Ländern unterwegs gewesen. Ich habe sogar vier Jahre in Großbritannien und eineinhalb Jahre in Japan verbracht. Das war für mich selbst überraschend, da ich ein schüchterner und zurückhaltender Jugendlicher war. Ich bin jedoch sehr dankbar dafür, besonders für den Aufenthalt in Großbritannien, da er einen wichtigen Grundstein gelegt hat. Ich werde für den Rest meines Lebens über die dort erworbenen englischen Sprachkenntnisse dankbar sein. Englisch hat für mich viele Türen geöffnet. Ich schau mir gerne Filme an, seither im Originalton wenn möglich, in welchem sie eine viel bessere Atmosphäre haben. Ich lese Bücher in Englisch und kann damit auch Bücher lesen, welche ganz neu auf dem englischsprachigen Markt herausgekommen sind. Ich kann auf YouTube viele der Videos anschauen und genießen. Ich habe beruflich jeden Tag mit englischer Sprache zu tun, was mir jetzt sehr leicht fällt und großen Spaß macht. All dies wäre mir ohne gute Englischkenntnisse verschlossen. Und ich kann überall auf der Welt mit Menschen reden. Genau dieser letzte Punkt war ausschlaggebend für den Schritt nach GB.

Ich hatte in 1999 (während meines Studienanfangs) eine Reise nach den USA gewonnen und für drei Wochen in einer Sprachschule in San Francisco verbracht. Dort war ich einerseits so fasziniert davon, dass ich Menschen aus aller Welt getroffen habe und mit ihnen sprechen konnte. Gleichzeitig war ich unendlich frustriert, dass ich nicht sagen konnte, was ich wollte – mein Schulenglisch war einfach nicht genug. Ich wollte daran unbedingt etwas ändern. Dieses Erlebnis hat mich auch wachgerüttelt, dass wir manche Dinge in der Schule nicht für die Schule lernen, sondern fürs Leben (das trifft leider nicht auf alles zu, was in der Schule unterrichtet wird bzw. erwähnt nicht, dass viele lebenswichtige Themen überhaupt nicht unterrichtet werden). Ich war zum ersten Mal von innen heraus motiviert, etwas zu lernen.

Über Japan erzähl ich dir später sicherlich noch mehr. Ich will an dieser Stelle nur sagen, dass ich in Japan leider nicht das gleiche Sprachniveau erreicht habe. Eine neue Sprache von Grund auf zu lernen ist viel schwerer, als auf der Schulgrundlage aufzubauen. Und ich brauche sicherlich nicht zu erwähnen, dass Japan ein bisschen anders ist als Englisch. 🙂

Beruflich wusste ich lange nicht, was ich machen möchte. Ich habe nach der Realschule Technischer Zeichner gelernt. Die Entscheidung habe ich nur getroffen, weil dies der einzigste Beruf war, welchen ich kannte. Ich hatte während der Schulzeit darin ein Praktikum gemacht (das wiederum habe ich nur gemacht, weil mein Tischnachbar es gewählt hat – soviel zur zielorientierten Karriereplanung). Der Maschinenbau-Schwerpunkt hat mir nicht gefallen. Nebenher habe ich die Fachhochschulreife im Telekolleg nachgeholt. Da muss ich meinem Vater danken, weil ohne seinen Anstoß hätte ich das nie gemacht (Abendschule ist schrecklich anstrengend und belastet) und wäre heute nicht da wo ich jetzt bin (Danke, Papa!). Während des Zivildienstes hatte ich Zeit zu überlegen, was ich will. Viel ist mir nicht eingefallen. Mir ist nur eingefallen, dass ich Computer mag. Also habe ich mich für das Studium der technischen Informatik entschieden.

Das Studium ist nicht leicht, vor allem im Grundstudium muss man ganz schön in Mathematik und Physik ackern. Da wird absichtlich die Hürde hoch gesetzt und ausgesiebt. Wenn man mal durchs Grundstudium durch ist, wirds einfacher und viel interessanter. Ich sprech jedoch noch von der Diplom-Ingenieur-Erfahrung, die gibts heute ja gar nicht mehr. Ich war einer der letzten Jahrgänge, die noch mit dem Diplom-Ingenieur abgeschlossen haben (in 2003).

Auf ähnliche Weise bin ich dann von einer Arbeit zur nächsten gekommen. Das waren immer gute Jobs, aber ich habe das alles nicht im voraus geplant; ich hab immer nur bis zur nächsten Arbeit geschaut, nicht viel weiter. Heute sieht das aus, wie eine schön geplante Karriere. Ich bin heute sehr zufrieden, wo ich jetzt beruflich stehe, aber es gab einige Tiefpunkte auf dem Weg dorthin, und mein letzter Tiefpunkt liegt gar nicht lange zurück. Erst seit sehr kurzer Zeit scheinen die Karriere-Puzzleteile endlich zusammenzupassen und mir wirklich Freude zu bereiten (zumindest ist das im Moment so – hoffentlich bleibt es auch so).

Marion: Deine Vorstellung hat mich angesprochen und in verschiedener Hinsicht berührt. Ich entdecke Ähnlichkeiten, die ich nicht vermutet hätte. Sie werden sich im Verlauf unserer Unterhaltung vielleicht noch deutlicher zeigen. Ich danke dir für deine Offenheit. Es tut gut, sich so zu begegnen.

Dann stelle ich mich mal vor.

Ich bin 53, gebürtige Münchnerin und ursprünglich gelernte Rechtsanwalts-Gehilfin. Meine Eltern hätten mich auf der Hauptschule belassen (unsere Religion war gegen weltliche Bildung), aber als nach der 6. Klasse die Realschüler abgingen und ich scheinbar immer noch da blieb, bat die Lehrerin um ein Gespräch mit meinen Eltern und meinte, als Klassenbeste wäre es schade, nichts daraus zu machen. Ich durfte dann auf die Realschule, nachdem ich selbst es wollte und meinen Eltern versprach, mich selbst um alles zu kümmern, was bezüglich Lernen auf mich zukäme, da sie mir nicht helfen könnten und wüssten, dass man sehr viel dafür tun muss. Ich war hoch erfreut, dass die Lehrerin Potential in mir sah und ich mal für irgend etwas gelobt wurde – und entsprechend motiviert.

Als die Pubertät einsetzte, hatte ich große psychische Probleme mit mir und fühlte mich dann tatsächlich von allem überfordert. So wollte ich ein Jahr vor dem Abschluss von der Realschule abgehen und eine Lehre machen. Meine Mutter unterstützte mich darin und besorgte mir ein Berufsbuch. Dort sprach mich sowohl die Kartographin an, als auch die Keramikmalerin (in meiner Freizeit malte ich viel, wenn auch wenig frei). Für die Kartographin gab es in München keine Ausbildungsmöglichkeit und um bereits in einer anderen Stadt alleine zu leben – dafür war ich zu schüchtern und unreif. Für die Keramikmalerin fanden wir auch keine passende Lehrstelle, zu der meine Mama und ich mit gutem Gefühl hätten Ja sagen können, so dass ich die Realschule doch beendete und auf Empfehlung der Berufsberatung die Rechtsanwaltsgehilfin wurde (meine Mutter hätte mich gerne in einer Banklehre gesehen, ich sah mich dort überhaupt nicht, eine mir zu gestelzte Welt und ich außerdem noch viel zu schüchtern für Kundenkontakt am Schalter).

Später hab ich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgemacht und orientierte mich Richtung Psychotherapeutin, weil mir selbst eine Psychotherapie sehr viel gebracht hatte, um mich in der Situation als junge Ehefrau und Mutter und innerhalb der Herkunftsreligion neu zu orientieren – und ich das gerne weitergeben / anwenden wollte. Das Psychologie-Studium brach ich nach dem ersten Semester ab. Ich war alleinerziehend und Alleinverdiener für Drei, das war absehbar nicht durchzuhalten.

So blieb ich in meinem Job bei der Süddeutschen Zeitung, wo ich anfänglich Anzeigen eintippte und zuletzt, im Jahr meines Ausscheidens 2009 (nach 17 Jahren), innerhalb der Abteilung Kundenservice-Zentrum zur Truppe des Online-Supports gehörte, die die Schnittstelle zwischen Kunden und IT-Abteilung bildete.

Danach folgte eine Auszeit, in der ich mich zusammen mit meinem zweiten Mann stark esoterisch orientierte, fortbildete und entwickelte. Es war daran gedacht, eine freiberufliche Tätigkeit daraus erwachsen zu lassen, was sich aber von den gemachten Erfahrungen und wachsender Überzeugung her als nicht tragfähig erwies. Wir wollten andere heilen und statt dessen kamen wir selbst in einen tiefgreifenden Heilungsprozess.

In dieser Zeit begann ich mich – hauptsächlich hobbymäßig – handwerklich zu betätigen und betrieb für eine gewisse Zeit einen Online-Shop, wo ich meine Produkte verkaufte.

2012 bin ich meinem Mann in die Schweiz gefolgt. Wäre es nicht um der Liebe wegen gewesen, hätte ich nie das Land verlassen. Als astrologischer Krebs bin ich ein Heimat- und Familien-orientierter Mensch. Aber gerade dort liegen scheinbar auch mit die größten Herausforderungen meines Lebens.

2013 begann ich hier in einem ganz neuen beruflichen Gebiet angelernt zu werden. Es ist ein kleiner Familienbetrieb, der Schilder und Stempel herstellt. Meine Computerkenntnisse kann ich einsetzen, weil sowohl bei Schildern als auch bei Stempeln das Ganze zuerst am Bildschirm entworfen wird. Danach kommt die praktische Umsetzung an der Maschine, indem die Daten dorthin geschickt werden und das Werkstück entsprechend bearbeitet wird. Ziel meiner Anlehre ist, dass ich alles in Laden und Werkstatt machen kann, es ist ein Hand in Hand arbeiten, woran ich viel Freude habe.

Zum 1. Dezember 2013 haben mein Mann und ich uns getrennt. Ich bin also in einem ganz neuen Lebensabschnitt insofern, als ich das erste Mal alleine lebe und gleichzeitig in keiner Beziehung bin.

Ich habe zwei erwachsene Kinder, die in München leben.

Das war jetzt eine etwas längere Vorstellung, aber irgendwie gehört das alles zu meinem Leben und sagt etwas über mich aus.

Uli: Das macht gar nichts, ich will / wir wollen dich schließlich kennenlernen.

Marion: Nochmal zurück zu deiner anfänglichen Berufsbezeichnung. Meine bisherige Vorstellung vom “Ingenieur” geht sehr ins äußerlich praktisch Technische, sagen wir Flugzeugbau oder dergleichen. Offensichtlich ist Software ein so großer Bereich, von dem ich bisher lediglich die Ergebnisse gesehen und mich nur ansatzweise damit auseinander gesetzt habe, was dahinter steckt. Etwa wenn ich die Software für die Erstellung von Websites im Baukastensystem oder WordPress für Blogs genutzt habe. Ich kann mir vorstellen, dass es ein faszinierender Bereich ist und es gab eine Zeit, wo ich mir vorstellen konnte, dass ein Informatik-Studium sehr spannend sein und Spaß machen könnte. Als ich dann einen Informatiker kennen lernte, der sein Pensum während des Studiums mit meinem während des Psychologie-Studiums verglich, wurde mir klar, dass schon sehr viel Disziplin und Liebe zur Materie gegeben sein muss, um das zu machen.

Uli: Ingenieure gibt es in vielen Zweigen, nicht nur im Maschinenbau, wo sicherlich der traditionelle Ingenieur anzutreffen ist (es gibt sogar Wirtschaftsingenieure!). Für den Unbedarften ist Software zunächst überwältigend und ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn man nach und nach versteht, was dahinter steckt, wird es viel einfacher und Konzepte und Methoden wiederholen sich ständig. Software kann man zwar nicht mit den Händen anfassen, muss aber genauso zusammengebaut werden wie ein Motor oder eine Maschine. Du wärst überrascht, wie wissenschaftlich und systematisch strukturiert die Softwareentwicklung ist. Sie wird sehr ähnlich durchgeführt wie die Konstruktion im Maschinenbau. Da erstellt man Software-Komponenten, die man in einem größerem System dann zusammenbaut – wie im Maschinenbau, nur die Werkzeuge und Gegenstände sind anders. Der Bereich Software ist sehr groß und breit, und für mich hochinteressant. Ich habe zwei (gefühlte) linke Hände, daher tu ich mich mit physikalischen Dingen schwer. Bei Software muss ich nur eine Tastatur und Maus bedienen – das krieg ich hin (und ich liebe mit 10 Fingern zu tippen). Und die Möglichkeiten, was man mit Software machen kann, sind nahezu unbegrenzt. Das gefällt mir unheimlich. Wenn ich Software programmieren kann, kann ich machen was ich will und den Computer (oder das Smartphone) zu meinem Diener machen. Ich habe in sehr verschiedenen Ecken im Bereich Software gearbeitet und es gefällt mir, dass ich immer wieder auf alle Erfahrungen zurückgreifen kann. Natürlich sollte man an technischen Abläufen und logischem, abstraktem Denken Interesse und keine Angst vor Computern haben.

Marion: Deine Faszination für Software kann ich teils nachvollziehen. Zweifellos handelt es sich um ein breites und spannendes Gebiet und man braucht ganz sicher einen klugen Kopf, um mit ihren Möglichkeiten “spielen” zu lernen.

Ich finde interessant, dass du sagst, du liebst es, mit 10 Fingern zu tippen.

Nachdem ich vor den Zeiten der Computer viele und lange Briefe geschrieben habe, weiß ich, wieviel Zeit das braucht. Als ich dann das 10-Finger-System erlernte und am Computer tippen konnte, fühlte es sich an, als ob meine Seele direkt über die Finger in die Sprache hineinfließen kann – genial.

Aber nochmal zu deinen Auslandserfahrungen… Trotzdem ich seit 2012 das erste Mal im Ausland lebe und damit meine innere Schwellenangst diesbezüglich etwas gesunken ist, habe ich hohe Achtung vor deinen Auslandsaufenthalten, zumal du sagst, dass du eher ein zurückhaltender und schüchterner junger Mann warst (was übrigens für mich als junge Frau ganz genauso gilt).

Ein anderes Land mit einer anderen Sprache ist nochmal eine ganz andere Herausforderung, wobei ich mir ein englischsprachiges Land noch halbwegs vorstellen kann; im Urlaub auf Malta konnte ich mich immerhin ein klein wenig verständigen.

Aber Japan stellt in meiner Vorstellung ein unüberwindliches Hindernis dar, nicht nur der fremdartigen Sprache samt Schrift wegen, auch wegen der sehr andersartigen Kultur und gesellschaftlichen Struktur. Wenn ich dort hinfühle – mein Sohn hat/te eine Affinität dazu und hat die Sprache mal angefangen zu lernen – dann fühlt es sich ein bisschen wie ein schwarzes Loch an, in das ich weder stürzen noch freiwillig steigen möchte. Aber möglicherweise hängt das auch mit karmischen Erfahrungen zusammen, die in mir gespeichert sind. Ich weiß von einem intensiv leidvollen Leben in Japan.

Uli: Ähnlich wie dein Sohn, hatte ich schon lange eine Begeisterung für das Land, schon seit Kindheitszeiten. In Rückschau würde ich es eher als blauäugige Träumerei bezeichnen. Zwei Urlaube im Land der aufgehenden Sonne haben jedoch die schönen Seiten nur verstärkt und mich zum großen Schritt dorthin bewogen. Entweder jetzt oder nie. Als sich dann die berufliche Chance bat, habe ich sie ohne groß zu überlegen ergriffen.

Es stellte sich schnell heraus, dass der Berufsalltag in Japan alles andere als Sonnenschein ist. So wie du gesagt hast, das Leben in diesem Land war für mich eher leidvoll als erfüllend. Hierarchie übertrumpft alles andere. Wenn ich z.B. in der Kundenrolle höher stehe als mein Gegenüber, bin ich König und werde auch so behandelt (das ist meistens als Urlauber der Fall). Wenn ich jedoch als Neuer, dazu als “dummer” Ausländer, in einer Firma anfange, bin ich ein Niemand und werde auch so behandelt. Null Unterstützung, null Beistand, null Verständnis, null Zusammenarbeit. Überstunden sind Pflicht, selbst wenn man keine Arbeit hat (die Logik darin erschließt sich dem westlichen Geist nicht, mit Effizienz hat es jedenfalls nichts zu tun). Nach eineinhalb Jahre bin ich verzweifelt und innerlich zerstört zurückgekehrt. Mit den goldenen Träumen über Japan am Boden.

Auch das alltägliche Leben in Japan ist für einen Ausländer nicht einfach und sehr ermüdend. Die kulturellen Unterschiede sind so groß und führen auf so vielen Ebenen zu Missverständnissen und Konflikten. Um so länger ich dort war, um so klarer wurde es mir. Die Unterschiede zu kennen, hilft alleine auch nicht, um die inneren Konflikte und Frustrationen zu bändigen.

Ich will jetzt nicht sagen, dass diese kulturelle Unterschiede unüberwindbar seien. Für mich waren sie jedenfalls in meiner damaligen Lebenssituation unüberwindbar. Ich hatte blauäugig eine Route nach Japan gewählt, welche sich als Sprung in ein kaltes, tiefes Wasserbecken herausgestellt hat. Es gibt andere, sanftere Wege dorthin. Ohne Frustration und harter Lernkurve sind sie jedoch alle nicht. Soviel zur Warnung an alle Japan-Fans.

Andererseits habe ich in Japan auch wunderbare Erfahrungen gemacht und faszinierende Einblicke in die Kultur bekommen, für die ich sehr dankbar bin. In der folgenden Bildergalerie habe ich einige der schönen Momente festgehalten. Die Galerie ist ein bunter Mix aus vielen Städten und Orten in Japan (Tokio, Yokohama, Miyajima, Nikko, Hiroshima, Nagasaki, Kobe, Himeji, Kyoto, Nara, Shodojima). Trotz meiner negativen Erfahrungen ist Japan für mich (bis jetzt) das schönste Land der Welt (was die Optik angeht). Es wird mich sicherlich in Zukunft wieder dorthin ziehen – jedoch nur für Urlaub und Kurzaufenthalte. Wer weiß, vielleicht finde ich auch irgendwann Frieden mit der Kultur.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Marion: Danke dir sehr herzlich für diesen einmaligen Einblick in Bild- und Textform. Japan habe ich über Fotos noch nie so genau betrachtet. Ich werde dir später über die Kommentarfunktion wahrscheinlich noch Fragen zu einzelnen Fotos stellen. Jedenfalls ist das alles sehr berührend und interessant. Deine Japan-Erfahrung kann dir niemand mehr nehmen und bestimmt hat sie dich verändert. Es ist für mich selbst nach dieser relativ kurzen Erzählung gut vorstellbar, wie dich die Erfahrung insgesamt an gewisse Grenzen gebracht hat. Das ist teils schon abschreckend, sich vorzustellen, unter solchen Umständen als “Fremder” in einem für Europäer vielleicht relativ “fremden” Land zu leben.

Zur Sprache: Dass Englisch einem viele Türen öffnet, kann ich sehr gut nachvollziehen. Du sagst, du hattest diese Hoffnung auch bezüglich Japanisch. Inwiefern erfüllte sich diese nicht? Dass das Erlernen einer Sprache wie Japanisch für einen Deutschen nicht vergleichbar ist mit Englisch, steht außer Frage. Dass du dort nicht das gleiche Niveau erreicht hast, wundert mich insofern nicht.

Uli: Ich hatte gehofft, dass ich mir dort solide Grundkenntnisse aneignen kann, um fließend alltägliche Situationen zu meistern. Das war meine Erwartung; mehr nicht, aber auch nicht weniger. Leider hat sich das nicht erfüllt. Es lag nicht so sehr daran, dass Japanisch zu schwierig gewesen wäre. Ich hatte mehr damit zu kämpfen, die Energie zu finden, mich aufs Lernen zu konzentrieren. Die Arbeit und Arbeitszeiten haben nicht geholfen. Sehr schnell hatte ich überhaupt keinen Bock mehr darauf abends (d.h. nachts) oder am Wochenende zu lernen. Das ist sehr schade, aber irgendwie verständlich, wenn man täglich in einer so belastenden und unbefriedigenden Berufssituation (und Lebenssituation) steckt. Sicherlich gibt es aber auch andere Gründe, warum es bei mir nicht geklappt hat. Ich habe genug andere “Ausländer” getroffen, die schneller mit der Sprache klar gekommen sind.

Marion: Danke. Das ist alles sehr verständlich!

Zu deinem beruflichen Werdegang fand ich auch interessant, dass du ursprünglich Technischer Zeichner gelernt hast. Mein Vater war eine gewisse Zeit der Meinung, das wäre ein passender Beruf für mich, weil ich fasziniert war, als ich einen Spirograph geschenkt bekam und mich stundenlang damit beschäftigte. Dass mein Vater mir diesen Beruf zutraute, schmeichelte mir damals, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das wirklich ein Beruf für mich wäre; er erschien mir zu technisch und ich fürchtete, dem nicht gewachsen zu sein, auch wenn ich bis zu einem gewissen Grad gerne damit umgegangen wäre und z.B. Geometrie sehr gerne mochte und darin auch recht gut war.

Uli: Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Technische Zeichnen etwas für dich wäre. Das räumliche Vorstellungsvermögen ist eine der wichtigsten Vorraussetzungen. Und wenn du dann noch Spaß am Linienzeichnen hast, würde es passen. Du wirst heutzutage jedoch alles auf dem Computer mit einem CAD zeichnen (Computer Aided Design = computer unterstütztes Design), nicht mehr von Hand. In der Ausbildung lag der Schwerpunkt noch auf Handzeichnungen, im Berufsalltag jedoch fast gar nicht mehr.

Marion: Meine momentan ausgeübte Tätigkeit ist CAD-gestütztes Arbeiten. Ohne den praktischen Anteil daran würde mir jedoch etwas fehlen, da bin ich inzwischen relativ sicher. Nur am Computer zu sitzen macht (mich) verspannt und kopflastig. Es fehlt (mir) dann etwas.

Dass Abendschule sehr stressig und belastend ist, kann ich mir übrigens sehr gut vorstellen. Als ich die Alternative hatte, das Abitur nachzuholen – in Tages- oder Abendschule – hab ich mich für die Tagesschule entschieden und hab das nie bereut.

Ich glaube, dass viele junge Menschen überfordert sind mit der Frage, was sie einmal beruflich machen möchten. Die Vorstellungswelt ist noch zu klein und es fehlt an Erfahrung, um beurteilen zu können, was einem wirklich Spaß machen würde, auch in der Praxis. Ich wählte meinen ursprünglichen Beruf aus ganz ähnlichen Gründen, weil der Berufsberater meinte, da gäbe es gerade ein gutes Angebot an Ausbildungsstellen und die Branche wäre am Boomen.

Uli: Stimmt genau. Wie sollen junge Leute wissen, was sie wollen. Sie kennen sich ja selbst noch nicht. Sie wissen nicht, was es gibt und wie es sich anfühlt. Wenn man noch nie in einer Firma war, nicht weiß, was da alles passiert, wie soll man sich da für einen Beruf entscheiden? Von der Berufsberatung halte ich nur bedingt etwas. Da habe ich das Gefühl, dass sie eher die Interessen der Industrie und Wirtschaft vertreten, als einem Menschen bei seiner Selbstfindung und Selbstverwirklichung zu helfen.

Marion: Mein Bruder, zwei Jahre älter als ich, hat eine sehr gute Berufsberatung bekommen. Es wurde ein umfassender Eignungstest gemacht, der erbrachte, was ihm liegt und was nicht und er bestätigte, dass das auf ihn zutraf. Ohne diesen Test wäre er dahin nicht gekommen. Drei Berufe kristallisierten sich heraus, einen davon hat er in der Tat ergriffen. Es handelte sich um Automechaniker, das zweite weiß ich nicht mehr, das dritte war Schriftsetzer. Das wurde er und übt diesen Beruf bis heute aus, auch wenn dieser sich durch die Computer so grundlegend gewandelt hat, dass direkt nach Abschluss seiner Lehre aufgehört wurde, per Hand zu setzen und er umlernen musste.

Uli: Ich halte den Beruf für einen wichtigen Lebensbereich, der mir zur Erfüllung im Leben beitragen soll und nicht nur dazu da ist, meine Miete und Auto zu bezahlen.

Marion: Hm, ich habe lange gedacht, die Priorität des Berufes sei vor allem eine männliche Lebenssicht. Inzwischen ist mir bewusst, dass es für jeden Menschen wichtig ist, einer erfüllenden Tätigkeit nachzugehen und es gefällt mir, dass im Gegenzug Männer häufiger bereit sind, ihre Kinder mit praktischer Unterstützung aufwachsen zu sehen und so viel mehr von ihnen haben, wie auch die Kinder von ihren Vätern. Eine Tatsache, die einer Nachkriegsgeneration sehr abgegangen ist.

Uli: Ich muss zugeben, ich hab meine Karriere engstirnig begonnen (und lange Jahre betrieben). Ich dachte, ich muss das “einzig richtige” finden. Jetzt denke ich, dass alle Erfahrungen gut sind und man offen sein sollte und bewusst die Vielfalt erleben sollte. Z.B. habe ich lange Zeit gedacht, nur wenn ich in der Softwareentwicklung bin und tatsächlich etwas neues in Software erschaffe, mache ich “wertvolle” Aufgaben. Alle anderen Tätigkeiten, wie Management, Marketing, Verkauf, Einkauf, Controlling usw. sind nur Overhead und weniger wertvoll.

Marion: Die Bewertung in “wertvolle” und “weniger wertvolle” Berufsbereiche hatte ich übrigens auch; vielleicht sollte ich sagen, ich habe sie teils noch. Aber das hat sich gewandelt. Früher hielt ich Büroberufe für wertvoller gegenüber handwerklichen Berufen. Schon weil sie besser bezahlt sind und man dafür mehr Köpfchen haben muss. Heute denke ich: “Was wären wir ohne gute Handwerker, die wissen was sie tun.” Hut ab vor denen, die sich nicht zu fein sind, sich die Hände schmutzig zu machen und richtig gute handwerkliche Arbeit leisten. Berufsbereiche, die ich heute nicht sonderlich schätze sind z.B. Controlling oder Verkaufen am Telefon im Sinne von “aggressiver” Werbung.

Uli: Seit 2-3 Jahren bin ich jetzt völlig weg von der Softwareentwicklung. Zunächst hatte ich große Angst vor diesem Schritt. Jetzt bin ich heilfroh darüber. Ich habe völlig neue Einblicke bekommen und musste feststellen, das ich mit meinen Fähigkeiten und Interessen in anderen Bereichen als der reinen Softwareentwicklung besser arbeiten kann und mehr Spaß habe. Ich hätte vor fünf Jahren nie gedacht, dass ich sogar im Bereich Verkauf Interesse finden könnte.

Aktuell arbeite ich viel mit Kunden zusammen und finde es hochinteressant, welche Einblicke ich da in andere Firmen, Industriebereiche und Menschen bekomme. Es macht unheimlich viel Spaß, den Kunden zu helfen, eine Lösung zu finden. Meine zwischenmenschlichen Fähigkeiten entwickeln sich weiter (langsam, aber nichtsdestotrotz in die richtige Richtung). Jetzt seh ich vieles anders und bin (meistens) offen für Neues. Daher hat mich auch der TEDx Talk von Robert Greene sehr beeindruckt. Besser als er könnte ich es nicht ausdrücken. Es sollte Pflicht sein, nach der Schule erst durch mehrere Unternehmen und Tätigkeiten durchzugehen, bevor man sich für einen Beruf oder ein Studium entscheiden darf.

Marion: Es ist schön, dass du dich im Beruf verändern konntest und dich dadurch bereichert fühlst; dass du merkst, welche Fähigkeiten du hast und wie du dich mit Hilfe der Art der Berufstätigkeit weiter entwickeln kannst.

Es hat mich noch überrascht, dass dein beruflicher Weg dir gar nicht so zusammenhängend zielführend erschien und erst zuletzt einen Sinn ergab. Ich wäre bei deinem Beruf durchaus davon ausgegangen, dass langfristige Planung und Umsetzung dahinter steht.

Uli: Ich habe noch eine Frage zu deinem Psychologie-Studium. War dein Abbruch des Psychologiestudiums alleine wegen deiner Lebenssituation (alleinerziehend) verursacht oder hat dich das erste Semester inhaltlich enttäuscht? Ich hab in das Studium selbst keine Einblicke, aber gehört/gelesen, dass es ziemlich trocken und altbacken ist. Da sprechen mich moderne Methoden, wie die von Robert Betz oder NLP mehr an, als das endlose Herumwühlen in Erinnerungen.

Marion: Angewandte Psychologie empfinde ich durchaus nicht als “das endlose Herumwühlen in Erinnerungen”. Als ich mich das erste Mal nach einer Psychotherapie umschaute, versuchte ich herauszufinden, welche Geistesrichtung mein künftiger Therapeut haben sollte. Dabei stieß ich auf die Aussage, dass für eine erfolgreiche Psychotherapie das menschliche miteinander Können wichtiger ist als die Schule, die ein Therapeut hinter sich hat, so dass man eher darauf achten sollte, wem man vertrauen kann, wie wohl man sich mit dem Therapeuten fühlt. Diesem Rat bin ich gefolgt und damit ganz gut gefahren.

Was deine Frage zum Abbruch des Psychologiestudiums angeht, hatte man mich gewarnt, dass die ersten zwei Jahre, also das Grundstudium, hart sind, dabei die Statistik die größte Rolle spielt und das Interessante erst danach kommt. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse, zumindest theoretisch. Ich hatte die Absicht, mich da durchzubeißen, ich wollte einfach die Zulassung zum Beruf des Psychotherapeuten erlangen und ihn dann so ausüben, wie es mir entsprochen hätte.

Vordergründig war es der ganz praktische Aspekt des Geldmangels, der mich zum Abbruch des Studiums zwang, aber es gab durchaus andere Gründe, sprich tiefer gehende Desillusionierung, weswegen ich nicht nach anderen Wegen zum Durchhalten suchte, sondern tatsächlich hinschmiss. Ich hatte hinter die Fassade geblickt und was ich dort sah, gefiel mir nicht. Ein paar Beispiele…

Der Professor, der Statistik hielt, war eine Art lockerer Entertainer, der sich gern reden hörte. Echtes Interesse, uns was beizubringen, hatte er nicht. Ein oder zweimal haben junge ehrgeizige Studentinnen eine ernsthafte Frage zum Fach gestellt, worauf er lächelnd auswich und sehr deutlich zeigte, dass er keine Lust hatte, darauf einzugehen. Seine Ansicht über Statistik hatte er gleich zu Anfang des Semesters zum Besten gegeben, indem er erklärte, es ließe sich damit alles beweisen, was man beweisen möchte, es käme lediglich auf den Aufbau des Versuchs an, den man gemäß der gewünschten zu beweisenden Theorie gestalte. Diese Aussage konnte er uns rasch an einem Beispiel verdeutlichen und entlarvte dieses angeblich seriöse Instrument wissenschaftlichen Arbeitens als Manipulation der Massen; was die Motivation, damit zu arbeiten, nicht gerade erhöhte.

Das tatsächliche Erlernen und praktische Anwenden der Methode fand in den beiden Tutorien statt, die zwei Mitstudenten aus fortgeschritteneren Semestern hielten. Einer davon hatte einen sehr guten Ruf, der andere, na ja… Da ich im Nachrückverfahren sozusagen in letzter Minute hinein gerutscht war, waren die “besten” Seminare und Kurse bereits voll und ich musste auf weniger begehrte ausweichen. So kam es, dass ich wegen Zeitüberschneidung nicht dasjenige Tutorium besuchen konnte, das mich in Statistik fit genug für die erste Prüfung gemacht hätte. Ich arbeitete dafür daheim soviel wie möglich, fiel aber bei der ersten Prüfung sehr knapp durch.

Ich war nicht die Einzige und bekam mit, wie Mitstudentinnen damit umgingen, um rasch weiter zu kommen. Ich bewegte mich in einer Gruppe von Müttern mit Kindern und eine davon, deren Mann die Familie und ihr Studium finanzierte, ließ sich bei oben genanntem Professor (der übrigens mit einer seiner Ex-Studentinnen verheiratet war) einen Termin geben. Er bot ihr eine mündliche Nachprüfung an, um das Hindernis der nicht bestandenen Prüfung aus dem Weg zu räumen. Dafür lernte sie noch einmal, konnte jedoch nach eigenen Angaben viele der Fragen des Professors nicht beantworten. Darauf meinte er, sie soll ihm doch einfach sagen, was sie kann, dann würde er sehen, was sich machen lässt. Sie erzählte einfach das, was sie präsent hatte und er ließ sie damit wohlwollend durchrutschen.

Das war nicht mein Weg. Ich wollte mit Mitteln weiter kommen, zu denen ich stehen konnte – oder eben nicht. Ich hatte bis dahin alles gegeben, was ich unter den gegebenen Umständen an Zeit und Kraft investieren konnte. Wenn das nicht ausreichte, machte es keinen Sinn, weiter zu machen.

Dann war da noch die Sache mit dem freiwilligen Seminar, das ich aus Interesse und Neigung belegte, obwohl es nicht zu meinem Pflichtprogramm gehörte. Es fand abends statt und ich ließ schlechten Gewissens meine Kinder an diesem Abend auch noch allein. Es wurde von zwei Studenten aus fortgeschritteneren Semestern durchgeführt, eine junge Frau und ein junger Mann. Es diente ihnen als Forschungsarbeit für ihr eigenes Studium. Es nannte sich “Soziales Lernen” und bestand aus einer Gruppe von etwa 10 bis 15 Leuten. Zu Anfang wurden alle zu dem Versprechen verpflichtet, das Seminar keinesfalls zu beenden, indem man zwischendrin einfach weg bleibt. Sollte jemand triftige Gründe für einen Abbruch haben, wäre die einzige Möglichkeit, vor der Gruppe die Gründe öffentlich darzulegen und sich öffentlich zu verabschieden.

An jedem dieser Abende wurde ein bestimmtes “Experiment” mit der Gruppe durchgeführt, wobei nicht gesagt wurde, wohin es führen, was dabei heraus kommen sollte. Die beiden Leiter machten sich Notizen, die sie aber nicht mit der Gruppe teilten und auch keinerlei Resümee oder Bewertung zum jeweiligen Experiment äußerten, d.h. man war mit dem jeweiligen Ablauf und Ergebnis sich selbst überlassen.

Eines der Experimente bestand darin, dass sämtliche Stühle verräumt wurden, so dass der Raum leer war. Daraufhin sollte jede Person sich frei im Raum bewegen und schließlich an einem Punkt zur Ruhe kommen, wo sie sich am wohlsten fühle. Es wurde die Möglichkeit aufgezeigt, sich zu einer bestimmten Person im Raum hin zu bewegen und figürlich zu ihr in Beziehung zu treten, oder aber auch für sich alleine zu bleiben. Nur durfte während der Übung nicht gesprochen werden. Wenn alle ihren Platz gefunden hätten, wäre es zu Ende und die Beteiligten würden anschließend im Stuhlkreis darüber sprechen, wie es ihnen mit dieser Übung ergangen war, warum sie ihren Platz gewählt hatten etc. Man durfte anderen dann auch Fragen zu ihrem Verhalten stellen.

Ich kam alleine zu stehen, irgendwo zwischen den anderen, aber nicht im Bezug zu einer der anderen Personen.

Eine Mitstudentin russischer Herkunft benahm sich sehr auffallend. Als das Experiment begann, lief sie wie ein aufgescheuchtes Huhn im Raum herum und versuchte in einen der Schränke zu kommen (eine der Wände war ganzflächig von einem Einbauschrank verdeckt), indem sie wie verrückt an dessen Türen rüttelte. Sie waren jedoch abgesperrt und für uns nicht zugänglich. Nachdem sie sich also nicht in einem Schrank verkriechen konnte, nahm sie fast panisch die Leute im Raum unter die Lupe und suchte ihren Platz. Als alle bereits ihren Standort gefunden hatten, hühnerte diese junge Mutter immer noch herum und stürzte sich schließlich – nicht zu meiner Freude – auf mich, stellte sich direkt hinter mich und legte ihre beiden Händen auf meine Schultern, so als wäre ich ihre Marionette, die sie dirigieren könne.

Nun wurde aufgelöst und im Stuhlkreis das Gespräch eröffnet. Das Verhalten der Russin sorgte verständlicherweise für Gesprächsstoff in der Runde. Ich hielt mich zurück und wollte nichts Negatives über sie äußern. Als sie sich auf die Fragen der anderen hin gerechtfertigt hatte, jedoch keinen plausiblen Grund für ihr Verhalten nennen konnte, wurde ich gefragt, wie ich mich denn dabei gefühlt hätte und was ich glaube, warum sich diese Frau bei dem Versuch auf mich bezogen hatte, ob wir außerhalb dieses Seminars auch etwas miteinander zu tun hätten etc. Nachdem ich wahrheitsgemäß geantwortet hatte (ich hatte bis dahin noch nichts mit ihr zu tun), fühlte sie sich wohl bloßgestellt oder herabgewürdigt. Sie beobachtete noch eine Weile das Gespräch, das über sie ins Rollen gekommen war, wurde jedoch angehalten nicht dazwischen zu rufen, sondern abzuwarten, bis sie an der Reihe wäre, zu sprechen. Dann sagte sie, dass nichts von dem stimme, was in der Gruppe vermutet würde. Es gäbe keinen bestimmten Grund für ihr Verhalten. Und schließlich stieß sie abschließend in höchst aggressivem Ton und mit Verachtung in ihrer ganzen Mimik gegen mich hervor: “WEISST du was du bist? DU BIST EIN NICHTS, EIN NIEMAND!” Und versuchte damit dem Eindruck entgegen zu wirken, dass sie eine Art Stabilität oder ruhenden Pol bei mir gesucht hätte. Stille. Schweigen. Ich wurde gefragt, ob ich dazu noch etwas sagen möchte, was ich verneinte. So wurde das Ganze stehen gelassen und der Abend aufgelöst.

Die Sache wurmte mich und ich fragte mich, warum in aller Welt ich trotz eines vollen Terminkalenders jede Woche an diesem Abend erst gegen 20 Uhr heim komme, während Mitstudenten so mit mir umgehen?! Was sollte das bringen? Ich hatte mich in dem Experiment in meiner eigenen Stabilität soweit bestätigt gefühlt, dass mein Eindruck war, diese Art Soziales Lernen habe ich nicht wirklich nötig.

Der einzige freiwillige Kurs, der mich also interessiert hatte und den ich mir aus Neugier und Interesse gegönnt hatte, weil er aus meiner Sicht etwas mit lebendiger, gelebter Psychologie zu tun hatte, zeigte mir, dass ich ihn nicht brauchte. In der nächsten Woche verabschiedete ich mich, legte meine Gründe dar und wurde aus diesem Kurs entlassen.

Zu jener Zeit hatte ich einen guten Bekannten, mit dem ich viel unternahm und er machte mich nach der nicht bestandenen Prüfung und einem gemeinsamen Kinoabend sehr vorsichtig, aber offen darauf aufmerksam, wie oft ich seit Beginn meines Studiums sinngemäß geäußert hätte, dass ich meines Lebens müde wäre und ob ich sicher wäre, dass es das ist, was ich möchte und dass es mich im Leben weiter bringt, wenn ich nach der im Grunde kurzen Zeit bereits so drauf wäre. Ich war sehr erschrocken, musste aber auch eingestehen, dass ich völlig am Anschlag war mit meinen Kräften, in jeder Hinsicht und dass keine Besserung dieser Situation in Sicht war, wenn ich weiter machte, im Gegenteil.

So kam ich zum Schluss, dass ich genug gesehen hatte, um dieses Kapitel für mich beenden zu können, ohne dem je nachzutrauern, aber auch ohne das Gefühl zu behalten, ich hätte beruflich nichts erreichen können, man habe mich nicht gelassen. Ich hatte mir die Chance erkämpft (u.a. per Sonderantrag auf Bafög wegen Überschreitung des Alters, der genehmigt worden war), ich hatte angefangen zu studieren – dabei aber feststellen müssen, dass mich dieser Weg nicht dahin bringt, wo ich mich richtig und wohl fühle.

Uli: Da hast du ja ganz schön was erlebt, nicht nur im positiven Sinn. Ganz schön krass.

Dafür ist es schön, dass du doch schon in jungen Jahren eine Vorstellung davon hattest, was dir gefallen würde. Ich finde das bemerkenswert, vor allem im Kontext deiner Erziehung.

Marion: Im Nachhinein erzählt sich das leicht, aber damals wusste ich mehr intuitiv, was für mich nicht stimmt, ich hatte noch keine Worte dafür, konnte es nicht erklären und selbst kaum verstehen. Aber vielleicht hatte ich auf eine Weise einen intuitiven Zugang zu meinem wahren Selbst, was mir überhaupt ermöglichte, meine Lebensgeschichte auszuhalten.

Uli: Es freut mich auch, dass du eine Zeit lang handwerklich selbstständig tätig warst. Das war sicher eine sehr lehrreiche Erfahrung, die dich weitergebracht hat. Möchtest du mir genauer sagen, was du gebastelt hast? Würde mich interessieren.

Marion: Ich würde mich nicht so sehen, dass ich handwerklich selbstständig tätig war. Es war ein Hobby und ich nutzte die Plattform DaWanda, um etwas davon zu verkaufen. In dem guten halben Jahr, während dem ich den Shop aktiv hatte, bin ich unterm Strich auf Kostendeckung für meine eigenen Einnahmen gekommen, das wars dann auch und damit war ich ganz zufrieden, denn es ist auf dieser umfangreichen Plattform, die ständig enorm Zuwachs hat, gar nicht einfach, gesehen zu werden.

Ich habe Kettenhalter und Schlüsselbretter hergestellt, außerdem Schmuck. Und ich hab alte Knöpfe aus der Knopfschachtel meiner Oma als Vintage-Knöpfe verkauft. Ein paar Beispiele meiner hergestellten Sachen…

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Uli: Das sind wunderbare Kunstgegenstände. Sehr schön!

Kann es auch sein, dass sich in deiner aktuellen Berufswahl wieder ein bisschen deine alten Vorlieben zeigen?

Marion: Auf jeden Fall hat mein aktuell ausgeübter Beruf damit zu tun, dass ich mich handwerklich betätigt und gesehen habe, wieviel Freude mir das macht. Ansonsten hätte ich mich gar nicht getraut, mich für die jetzige Stelle zu bewerben. Insofern ist die jetzige Tätigkeit auch erfüllender für mich als jegliche Bürotätigkeit vorher.

Uli: Möchtest du ein bisschen genauer erzählen, welchen Fortbildungen und Lehren du in deiner spirituellen Entwicklung mit deinem zweiten Mann nachgegangen bist? Mich würde interessieren, welchen Schwerpunkten du gefolgt bist, d.h. Namen der Methoden und Begründer, vielleicht noch ein Weblink. Und was du jeweils daraus gewonnen hast bzw. was du nicht gut daran gefunden hast.

Marion: Nun, ich möchte an dieser Stelle nicht gerne Kopffutter liefern, das man mit dem Verstand abchecken kann. Ich glaube nämlich nicht, dass dies irgend jemandem wirklich dient. Ich möchte an geeigneter Stelle, bei der Spiritualität, vielleicht versuchen mehr meinen individuellen Entwicklungsweg so zu beschreiben, dass man ihn nachvollziehen kann und dabei die Chance hat, berührt zu werden. In diesem Rahmen werde ich vielleicht Methoden, Namen und Bücher erwähnen, die auf meinem Weg lagen. Was ich jeweils daraus gewonnen habe bzw. was mir nicht gefallen oder mich “weiter getrieben” hat, wird dazu gehören, denke ich.

Uli: Ich glaube, das ist ein guter Zeitpunkt, langsam zum Schluss unseres ersten Gespräches zu kommen. Wie fandest du unser bisheriges Kennenlernen und unsere Zusammenarbeit an diesem Projekt?

Ich muss zugeben, ich war angenehm überrascht, in welche Tiefe unser Gespräch vorgedrungen ist. Wir haben uns gleich sehr gut verstanden. Auch hat unsere Zusammenarbeit sehr gut geklappt. Google Dokumente sind einfach klasse geeignet für solch ein Projekt. Ich habe viel gelernt, was man bei so einer Zusammenarbeit alles beachten und untereinander klären muss. Ich glaube, wir haben jetzt ein gutes System dafür gefunden.

Ich war ebenso überrascht, wie viel Arbeit daraus geworden ist (3 Wochen – das enthält aber auch schon Inhalte für die nächsten Teile unseres Gesprächs). Ich gestehe ein, dass ich mit meinem Strukturierungsbestreben uns die Arbeit stellenweise etwas erschwert habe. Das hat mir und dir den Wind und die anfängliche Begeisterung aus den Segeln genommen. Auch daraus habe ich gelernt (hoffentlich). Wir werden sehen, wie sich unsere Fortsetzung gestaltet. Von unserem ursprünglichen Vorhaben, unser gesamtes Gespräch über alle Themen in einem einzigen Beitrag zu veröffentlichen, haben wir glücklicherweise abgesehen. Da hätten wir uns sicherlich übernommen. Selbst jetzt ist unser erster Teil schon sehr umfangreich geworden.

Marion: Ich hätte nicht vermutet, dass du dich gerade in einer Art Orientierungsphase befindest, aber es hat mich berührt. Nachdem ich selbst schon durch so manche Krise gewandert bin, weiß ich, welche Wandlungskraft jede Krise beinhaltet, so unangenehm sie sich manchmal auch anfühlen kann.

Ich hatte es zwar nicht vor, aber auch ich stelle fest, dass mir unser Austausch in meiner jetzigen Lebensphase hilft. Denn auf eine Weise sitze ich im Moment in einem Schneckenhaus und brauche diesen starken Rückzug jetzt, um bestimmte Wunden heilen zu lassen. Unser Austausch ermöglicht mir eine Art geschützten Austausch und menschlich seelische Berührung, ohne dass ich mich den entsprechenden Situationen aussetze, die normalerweise damit verbunden wären und die ich im Moment nicht zulassen könnte.

Unser Austausch war so spannend, dass wir leider nicht so rasch schreiben konnten, wie neue Fragen auftauchten und immer noch neue auftauchen. Im Geiste und mit ersten Notizen sind wir ja bereits bei Teil 3. Die Schriftform ist halt doch immer noch schwerfälliger als ein direktes Gespräch. Aber wir waren beide sehr fleißig und ohne Durchhaltevermögen hätten wir es nicht bis hierher geschafft. Deine anfängliche Begeisterung, Erstellung der Dokumente (die sind wirklich Klasse) und gute Strukturierung möglicher Inhalte unseres Gesprächs waren sehr hilfreich, du hast damit einen guten Vorschub zum Projekt geleistet, dafür danke ich dir. Da hast du richtig was ins Rollen gebracht.

Obwohl wir beide also zwischendurch mit der Langsamkeit der Schriftform gehadert haben, haben wir auch festgestellt, dass es die Zeit braucht, um nachzudenken. Das ist der Vorteil der Schriftform, dass der Inhalt gründlicher und ausführlicher wird.

Mir hat gefallen, dass wir uns gut auf gemeinsame Vorgehensweisen einigen konnten und ich hoffe, dass das Weitere jetzt schon leichter fällt, nachdem einmal der Anfang gemacht ist.

Uli: Bis bald, Marion. Tschüß.

Marion: Tschüß Uli, danke für die Idee und die große Arbeit zur Umsetzung. Ich bin schon sehr gespannt, wie es weiter geht.

Als Ausblick für unsere Leser: Im Moment haben wir uns für Teil 2 die Inhalte “Persönliche Entwicklungsgeschichte, unsere Reisen, übers Bloggen” vorgenommen.

Bis dann – wir lesen uns…