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Es scheint in der Natur der Sache zu liegen, dass wir Menschen an Herausforderungen wachsen. Je größer die Herausforderung, umso größer das Potential für Wachstum.

Wenn ich mitten drin stecke, aber schon Licht leuchten sehe am Ende des Tunnels – zumindest tage- oder stundenweise – und fühle, dass letztendlich positiv Neues auf mich zukommt, auch wenn es noch Angst macht die Veränderung zuzulassen, fühlt sich das manchmal an wie beim Massiertwerden, wenn es weh und gut tut zur gleichen Zeit und ich sage: Aaaua und gleichzeitig denke oder sage Ahh, wie gut! Es ist vielleicht eine Frage der Größe des Drucks, ob bereits das Erlösende mit empfunden werden kann.

Kalifornischer Goldmohn gemischt 2_06.07.2013

Im Moment sehe ich mich mehreren Herausforderungen gleichzeitig gegenüber und merke: Hätte ich nicht bereits viele herausfordernde Lebenssituationen erfolgreich meistern können, würden mir jetzt vielleicht im übertragenen Sinn die Beine den Dienst versagen. So erlebe ich mich aber in neu wachsender Stabilität – oder Stehvermögen – und bin selbst erstaunt.

Das erinnert mich daran, dass mein Vater lange zögerte, als ich ihn als Kind bat, sich doch bitte auch in mein neues Poesiealbum einzutragen, das ich mir so lange gewünscht und dann doch endlich bekommen hatte. Er lag nachts schlaflos mit den Gedanken – wie er mir schließlich mit einem gefühlten Augenzwinkern erzählte – was er mir hinein schreiben sollte. Er wollte nichts Vorgefertigtes, sondern selbst dichten und was er sagte, sollte seinen echten Herzenswunsch für meine Zukunft ausdrücken, auch wenn ich zu dem Passus mit der größten Aussagekraft erst bei den Eltern nach der Bedeutung fragen musste, weil sie sich mir nicht von selbst erschloss und ich einen Schreibfehler vermutet hatte: … und stehe deinen Mann (ich dachte zunächst es müsste heißen: ... und stehe zu deinem Mann, wenn ich dann mal einen hätte).

Kalifornischer Goldmohn rosa 4_06.07.2013

Das Poesiealbum existiert längst nicht mehr und den Rest seiner Worte habe ich leider vergessen, aber dieser Herzenswunsch meines Vaters hat sich im Laufe der Jahre dann doch noch erfüllt, indem ich durch Übung lernte, diesen Muskel zu gebrauchen, auch wenn es mir von meiner Wesensart her tendenziell schwer fällt Veränderungen in größerem Ausmaß zuzulassen und zu meistern.

Als ich 1997 zusammen mit meinen beiden Kindern (damals 12 und 14) bei meinem langjährigen Lebenspartner auszog, in eine große Altbauwohnung in ziemlich schlechtem Zustand, stand ich nach der Übergabe der Wohnung alleine drin und weinte wegen der Frage, wie ich es je schaffen sollte, diese in einen bewohnbaren Zustand zu bekommen. Denn eben hatte auch mein letztes Schuljahr vor dem Abitur angefangen und ich arbeitete, so dass es nicht leicht fiel, das alles parallel zu managen. Die Maler, die von der Genossenschaft beauftragt worden waren die Türen und Türstöcke neu zu streichen, fragten mich, wieso ich denn die Wände nicht gleich mitmachen lasse – in dem Zustand wie die sind!? Die Antwort war klar, ich hatte schlicht das Geld nicht dazu. Also half mir mein Vater und tapezierte die 3 großen Wohnräume mit Rauhfaser, denn dort blätterte teils alles daher und legte die Teppiche in diesen Zimmern grob, so dass wir einziehen konnten. Dann kam er nochmal und quälte sich mit dem ellenlangen Flur, der ähnlich wüst aussah und brachte dort die von mir gewünschte Tapete auf, die relativ dünn war. Etwas später hörte ich von meiner Mutter, dass mein Vater gesagt hätte, das hätte nicht mal er sich selbst zugetraut, so etwas allein in Angriff zu nehmen und er habe hohe Achtung vor meinem Mut, das angegangen zu sein.

Kalifornischer Goldmohn orange 1_06.07.2013

Jetzt erfahre ich gerade wieder einmal, dass das Leben mich immer auf Kommendes vorbereitet, so dass ich dann – wenn es soweit ist – in der Lage bin damit umzugehen, wenn auch manchmal „mit Mullen und Knullen“, mit Jammern und Klagen oder der Angst, dass die Herausforderung zu groß sein und mich übermannen könnte.

„Seinen Mann stehen“ und „übermannen“… Offensichtlich ist unsere Sprache von der Vorstellung geprägt, dass bestimmte Eigenschaften vor allem Männern zu eigen sind. Wie schön, dass sich solche kollektiven Muster verändern, auch wenn es sich in der Sprache erst viel später niederschlagen wird…

Als ich gestern Morgen im neuen Job nach Anlaufschwierigkeiten schließlich über der praktischen Arbeit an der Gravurmaschine meine andere Herausforderung völlig vergessen hatte und sie mir später wieder einfiel, merkte ich, wie mich die Arbeit – obwohl selbst keine kleine Herausforderung – aber auch stabilisiert und hilft. Auch das keine neue Erfahrung. Als ich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachmachte, nachdem ich den Sorgerechtsstreit für meine Kinder verloren hatte, half mir das, nicht in der Situation zu ertrinken, indem ich etwas für mich selbst tat. So trägt mich das Leben…

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