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Eins der Bücher aus dem Hallenbad, die ich auf meiner München-Reise im März gelesen habe, war:

Es wird vom Verlag als geeignet für Mädchen ab 14 und Erwachsene angegeben.

Gertrud Häusermann gilt als Vertreterin der typischen Schweizer Mädchenliteratur der 50er Jahre, in welcher die Grundthemen Berufswahl, Heimatliebe, Freundschaft und Mutter-Tochter-Verhältnis eine wichtige Rolle spielten.

Das mir vorliegende Exemplar wurde denn 1959 in der Schweiz gedruckt, ein Jahr bevor ich geboren wurde.

Ich hab das Lesen sehr genossen. Ich fand darin einerseits etwas vom Schweizer Pragmatismus vor, aber auch ein tiefes Schauen in die gefühlsmäßigen Wirren von Heranwachsenden, ohne diese in irgendeiner Weise herabzuwürdigen. Wir alle haben solches erlebt und können beim Lesen wieder spüren, wie die Gefühle manchmal drunter und drüber gehen können in dieser Zeit.

Auszug (ab Seite 143, 14. Kapitel):

Annelies hatte den Stein ins Rollen gebracht. Sie hatte gewünscht, fortgehen zu dürfen; nun war es an der Mutter, dazu Stellung zu nehmen.
Es war Frau Burkart klar, daß etwas geschehen mußte; man quälte sich gegenseitig; dennoch konnte sie dem Begehren des Mädchens nicht zustimmen. Sie war erschrocken und voller Sorgen.
Und wieder kam es zu langen Gesprächen zwischen beiden.
Frau Burkart fragte: „Wie stellst du dir das vor, Annelies? Wohin willst du gehen?“
„Irgendwohin – mir ist es gleich – nur möglichst weit weg!“
„Ins Ausland?“
„Am liebsten!“
„In eine Schule – in ein Pensionat?“ fragte Frau Burkart.
„Arbeiten möchte ich – gleichgültig was – nur irgend etwas Nützliches tun und meine Kraft brauchen.“
„Ich kann dich nicht gehen lassen. Jetzt nicht, Annelies!“ sagte Frau Burkart traurig.
Einmal fand Annelies ihre Mutter in trüber Stimmung. Vor ihr auf dem Boden lagen Zeichnungen ausgebreitet, mit Kohle in kühnen Strichen hingeworfen. Sie hatte Passepartouts dazu geschnitten; aber während sie noch die Wirkung prüfte, waren ihre Gedanken abgeglitten. Nun saß sie da im karminroten Sessel, müde und wie um Jahre gealtert.
„Hast du es dir gut überlegt, Annelies?“ fragte sie.
Das Mädchen nickte.
„Muß es wirklich sein?“
„Ich weiß keinen andern Ausweg, Mutter.“
„Wie lange willst du fortbleiben?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und die Schule? Willst du sie ganz aufgeben oder nur Urlaub nehmen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und was wird nachher sein, Annelies? Werden wir uns, wenn du zurückkommst, wieder verstehen, oder wirst du dich von mir entfernen? Mir ist bange, Annelies, schrecklich bange.“
„Wie soll ich das wissen? Ich fühle nur, daß ich weggehen muß. Ich kann nicht anders, Mutter“, sagte Annelies hilflos.
„Mir ist, als verdrängte ich dich aus unserm Heim. Sage, empfindest du es so, als ob du vertrieben würdest, als ob du einem anderen Platz machen müßtest?“
„Nein!“ sagte Annelies rasch. „Das ist es nicht, Mutter! Ich kann nicht überlegen und denken, solange ich hier bin. Hier erinnert mich alles an die schönen Jahre, die wir zusammen erlebt haben; ich kann mich nicht davon trennen. Vielleicht wird es besser sein, wenn ich fort bin – ich hoffe das -, wenn ich mich erst einmal von diesem Haus gelöst habe.“
„Und von mir?“
Darauf wußte Annelies nichts zu entgegnen; denn außer ein paar Ferienwochen war sie nie von ihrer Mutter getrennt gewesen. Aber sie erinnerte sich, nie in ihrem Leben Mutters Gegenwart so deutlich gespürt zu haben, wie eben in jenen Ferientagen, da sie nicht bei ihr war.
Frau Burkart betrachtete ihr Kind schweigend. Nach einer Weile sagte sie: „Ein Wort, Annelies, du brauchst bloß ein Wort zu sagen. Vielleicht wäre es besser, als wegzugehen?“
Annelies wußte, was die Mutter mit diesem Wort meinte. Oft war sie darauf und dran gewesen, es auszusprechen. Nach jenem Gespräch mit Alexander aber hatte sich vieles geändert. Es war nicht mehr so einfach. Sie durfte kein Machtwort sprechen, bevor sie nicht alles restlos verstand.
„Laß mir Zeit, Mutter!“ bat sie.
Mit jedem Tag widersetzte sich Frau Burkart den Plänen ihrer Tochter weniger. Aber seltsam, nun erschien es Annelies, als leide ihre Mutter mehr als sie selbst. Sie schämte sich, weil sie zuweilen eine leise Freude überkam, wenn sie spürte, wie schwer ihrer Mutter die bevorstehende Trennung fiel. Und war es nicht merkwürdig, fast grausam – dachte sie oft -, daß sie selber sich wohler fühlte, seit es Mutter schlechter ging. Nun brauchte sie nicht mehr störrisch zu sein. Sie wunderte sich auch, wie sie Alexander gegenüber weniger feindlich gesinnt war. Zwar konnte sie ihm noch immer nicht in die Augen blicken; und manchmal bohrte ein Schmerz wie Nadelstiche in ihrem Innern, wenn sie nur von ferne seine Stimmte hörte; das Haßgefühl aber war verschwunden.
Er unterstützte sie sogar in ihren Wünschen. Anfänglich hatte sie ihm gerade deswegen mißtraut. Er will mich forthaben – hatte sie gedacht – will Mutter für sich allein!
Aber dann hatte sie einmal gehört, wie er ihrer Mutter zusprach. Sie war am offenen Fenster in ihrer Kammer gesessen, während die beiden im Garten zusammen hin und her gingen.
„Es muß durchaus nicht schlimm ausgehen“, hörte sie Alexander in seiner ruhigen Art sagen. „Ein Mädchen wie Annelies verliert sich nie! Das Gute liegt ihr selbst so viel näher als das Schlechte! Du wirst sehen, sie kommt gesünder zurück.“
„Sie kennt die Welt nicht! Sie hat keine Erfahrung! Sie ist nie unter fremden Leuten gewesen!“ klagte die Mutter.
„Gingst du selber nicht mit neunzehn Jahren nach Paris?“ wandte Alexander ein. „Kanntest du damals die Welt, die Gefahren?“
„Ich hatte Glück – wenn ich es bedenke, so kommt es mir wie ein wahnsinniges Unterfangen vor. Was hätte mir geschehen können!“
„Jedem geschieht nur ein winziger Teil dessen, was möglich wäre: eine von abertausend Möglichkeiten. Nicht immer das Schlimmste! Du – zum Beispiel – hättest wohl auch unter die Räuber fallen können; statt dessen hast du Konrad kennengelernt.“
Eine Weile war es draußen still. Annelies glaubte Mutters Gesicht vor sich zu sehen, wie sie an Alexander vorbei ins Leere blickte. Dann hörte sie ihn sagen:
„Du darfst nicht weniger mutig sein als Annelies. Sie wagt viel – und daß sie es wagt, sagt mir, daß sie auch stark genug sein wird, es recht für sich zu machen.“

Eintauchen in eine andere Zeit – mit diesem Buch hat es Spaß gemacht 🙂

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