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Bei Klausbernd las ich dieser Tage, wie der eine oder andere als Kind mit dem Lesen in Kontakt kam und womit.

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Comics waren bei uns Zeugen Jehovas Kindern nicht erlaubt. Allerdings drückte meine Mama ein Auge zu und bewahrte Stillschweigen, dass wir Comics mehr fraßen als lasen, wenn wir alle 4 Wochen in die Stadt zum Kieferorthopäden mussten und im Warteraum eine Menge davon vorfanden, uns sogar freuten, wenn wir lange warten mussten. Derweil der Vater draußen im Auto saß und auf unsere Rückkehr wartete.

Daheim gab es ein von den Zeugen Jehovas veröffentlichtes Buch für Kinder mit einigen Fotos und einfacheren Texten. Besonders ansprechend fanden wir es nicht. Es musste betrachtet werden, war Pflicht statt Spaß.

Später gab es vom Buchclub das eine oder andere Tierbuch, das uns wenig interessierte, da uns niemand die Natur und Tiere näher brachte. So blieb es abstrakte langweilige Theorie.

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Das erste Gedicht, das mich ansprach und erheiterte, war von Eugen Roth. Mein Lieblingslehrer, Herr Lehmann, hatte es in mein Poesiealbum geschrieben:

Ein Mensch hört staunend und empört,
Daß er, als Unmensch, alle stört.

Er nämlich bildet selbst sich ein,
Der angenehmste Mensch zu sein.

Ein Beispiel macht euch solches klar:
Der Schnarcher selbst schläft wunderbar.

                              Eugen Roth

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Dann kam die Realschule und die Stadtbücherei. Ich entdeckte das Lesen für mich. Ich lieh die maximale Anzahl Bücher aus, die ich jeweils für 4 Wochen leihen durfte; manchmal musste verlängert werden, weil ich nicht alles geschafft hatte. Aber waren sie ausgelesen, kam der nächste Stapel mit heim und ich konnte tagelang hinter einem Buch versinken, in einer anderen Welt, auf die ich neugierig geworden war.

Einmal war ein Aufklärungsbuch mit dem Titel „Samspel“ dabei, von dem ich das Gefühl hatte, ich müsste es heimlich angucken, denn ja, es war bebildert und man konnte die eigenen unentdeckten Körperteile kennenlernen. Also nahm ich es heimlich mit in die Badewanne, wo ich neuerdings angefangen hatte zuzusperren.

Ausgerechnet an diesem Tag klopfte es an der Tür, meine Mama musste mal… Oh nein, wohin mit dem Buch?!? Ich legte es möglichst unauffällig an den Wannenrand – Titel nach unten – und öffnete die Tür. Es blieb natürlich nicht unentdeckt: Was ist das? Es wurde hochgenommen, angeschaut. Wo hast du das her? Ich, möglichst in beiläufigem Ton: Ach, aus der Stadtbücherei ausgeliehen.

Wozu brauchst du das? Später, als ich aus der Badewanne draußen war, kam die Predigt: So etwas ist nicht auszuleihen, schon gar nicht heimlich. Wenn ich etwas wissen möchte, soll ich fragen. Aber solche Sachen von „draußen“ brauchen wir dazu nicht.

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In meiner Endphase bei den Zeugen Jehovas (Ende 20) wurde ich wieder neugierig auf Bücher, diesmal eher auf Sachbücher, vor allem Psychologie. Als ich ausgeschlossen worden war, hatte ich freie Hand: Zusätzlich Astrologie; aber auch Romane: Frauenschicksale. Zum Beispiel: Nicht ohne meine Tochter von Betty Mahmoody.

Ein Leben ohne Bücher könnte ich mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen. So vieles habe ich aus Büchern erfahren und gelernt.

Heute fiel mir ein weiteres Gedicht von Eugen Roth auf:

Das Ferngespräch

Ein Mensch spricht fern, geraume Zeit,
mit ausgesuchter Höflichkeit,
legt endlich dann, mit vielen süßen
Empfehlungen und besten Grüßen
den Hörer wieder auf die Gabel –
doch tut er nochmal auf den Schnabel
(nach all dem freundlichen Gestammel)
um dumpf zu murmeln: Blöder Hammel!
Der drüben öffnet auch den Mund
zu der Bemerkung: Falscher Hund!
So einfach wird oft auf der Welt
die Wahrheit wieder hergestellt.

                             Eugen Roth

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Das Zwinkern zwischen den Zeilen, den Schalk in den Augen meine ich zu sehen, wenn ich Gedichte wie dieses lese:

Heilschlaf

Die meisten Menschen harren still,
was wohl das Leben weiter will.
Nur, wer nicht willens abzuwarten,
erwägt verschiedne Todesarten:
Doch laß er raten sich in Güte,
daß er vor raschem Schritt sich hüte!
Zum Sterben braucht der Mensch nur wenig,
zum Beispiel kaum ein Gramm Arsenik.
Jedoch, wenn dann der Grund nicht triftig,
blieb das Arsenik trotzdem giftig.
Was nützt es wenn er meint, ihn reut’s,
und hängt dann schon am Fensterkreuz?
Was, wenn er anders sich entschlossen
und liegt schon da und ist erschossen?
Was, wenn er mitten im Ertrinken
doch plötzlich säh noch Hoffnung winken?
Was, wenn er unterwegs zur Tiefe,
den raschen Vorsatz widerriefe?
Rezept: Hat wer dergleichen vor,
leg er sich nochmals erst aufs Ohr:
Es braucht nicht jeder Menschenkummer
zur Heilung gleich den ewigen Schlummer.

                                   Eugen Roth

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