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Wo fange ich an? – Die Blogger-Gemeinde scheint manchmal an einem gemeinsamen Pool an Gedanken und Ideen zu stricken und dabei aus dem Zeitgeist zu schöpfen. Der eine Beitrag korrespondiert mit dem anderen und jeder strickt an einer anderen Ecke ein bisschen weiter, aus seiner Perspektive und dem, was er gerade aus dem kollektiv rumschwirrenden Gedankengut auffängt.

Was ich mir heute aus den unterschiedlichen Gedanken zusammenzustricken gedenke, begann durch Ralphs Mit den Wölfen heulen und den dort enthaltenen Musikvideos mit Epica. Vor allem durch das zweite Video, das ich mir nur die ersten etwa 10 Minuten angehört hab – da begann in mir etwas zu arbeiten…

Theoretisch ist mir klar: Licht und Schatten gehören zusammen, das sogenannt Gute und das sogenannt Böse ergeben ein Ganzes. Kein Mensch ist komplett, indem er nur das sogenannt Gute lebt und das sogenannt Böse verbannt. Er bleibt gefangen. Also tun wir uns Gutes damit, die Kraft des Dunklen, Unbekannten, des Schattens so zu integrieren, dass dessen Kraft positiv genutzt werden kann.

Praktisch hat mich in oben genanntem Video dann doch erschreckt, wie der Typ diabolisch mit tiefer Stimme gröhlend singt und ich hab mich gefragt, was es ist, das mir immer noch Angst macht in diesem Zusammenhang? Denn solange da eine Angst auftaucht, wehre ich mich, verneine und sperre aus. Was ist der Schatten, der Angst macht?

Dann gabs gestern – nach einer ziemlich stabilen und guten Woche – einen emotionalen Abtaucher, für den ich keinen aktuellen Grund fand und auch keine Worte. Nahm aber schließlich Papier und Stifte hervor und malte drauflos… (gerade las ich irgendwo, die Gestirne im November sind unterstützend für alles Kreative)

Als es fertig war, fiel mir auf, dass man an ein Auge denken könnte, die Gefühle waren aber noch so in Wallung, dass ich es einfach liegen ließ und etwas anderes machte.

Heute, nachdem ich mit Abstand dran ging, dachte ich an Das Auge des Grauens, in das ich da geblickt hatte. So hatte es sich angefühlt.

Um was für Schatten es sich da auch immer handelt, ich lasse zu…

Und nun kam ich heute zu Frau Blaus Friedhofsbildern und dem Thema, dass das Sterben und der Tod in unserer Gesellschaft so stark in den Hintergrund, aus dem Gesichtsfeld gedrängt werden. So entstehen Schatten. Wir bewerten, negieren, wollen nicht mehr hinsehen und spalten ab.

In dem Zusammenhang fielen mir die Grabinschriften ein, die ich während meiner Hospizhelferausbildung in einem Buch gefunden hatte und so erfrischend fand, wie offen dort mit dem Tod und dem Leben der Verstorbenen umgegangen wird. Wo es doch meist heißt, dieser und jener Verstorbene war der beste Bürger des Dorfes, der beste Familienvater, Firmenmitarbeiter oder wie auch immer. Als würde man etwas ganz Schlimmes tun, die Dinge beim Namen zu nennen, dass nicht alle wie Heilige leben und gelebt haben.

Das Buch heißt Hier liegen meine Gebeine, ich wollt‘ es wären Deine – Grabinschriften für alle Fälle (wobei meine Version eine weibliche Statue auf dem Umschlag hat), Verlag Peter Kurze Bremen. Es handelt sich um Auszüge aus der über 1000 Texte umfassenden Sammlung des Familienforschers Enno Hansing, der Grabinschriften sammelt.

Ein paar Auszüge…

Für einen Rechtsanwalt Dr. Seltsam:

Hier ruht ein ehrlicher Advokat
Und das ist Seltsam.

~ * ~

Es liegt Hans Kalb, der junge, hier,
Ohn‘ Ochs zu werden oder Stier.
Er starb als Kalb in der Jahre Lenz
Infolge zu großer Korpulenz.
Der in der Gruft
Erst Nutzen bringt,
Er düngt!

~ * ~

Hier ruht die Asche von James Robinson und seiner Frau
Ihr dreißigjähriger Krieg ist beendet.

~ * ~

Hier ruh‘ ich aus von meiner Erdenplag‘
Mich kann kein Hoffen mehr betrügen,
Und kommt dereinst der Auferstehungstag,
Ich rühr‘ mich nicht, ich bleibe liegen.

~ * ~

Aus der Marienkirche zu Lübeck stammt der Grabspruch des Bürgermeisters Kerkering, dargestellt mit krummen Beinen kniend in der Mitte einer Lämmerherde:

Hierunter liegt Hans Kerkering,
Der so schep up de Föte ging,
O Herr mak em de Schinken liek *
Und help em in dyn Himmelyk;
Du nimmst di ja de Lämmer an,
So lat den Bock doch ok mit gan!

* Schenkel gerade machen

~ * ~

Hier ruht der liebe Arzt, Herr Frumm
Und die er heilte rings herum.

~ * ~

Hier liegt der Holzmuller,
zwen Spitzbuam nebnbei.
Gott sei eahn gnädig,
gstohln hams alle drei.

~ * ~

Hier ruht in Gott Adam Lentsch
26 Jahre lebte er als Mensch
und 37 Jahre als Ehemann.

~ * ~

Hier fiel der Jacob Finkenscheid
vom Hausdach in die Ewigkeit.

~ * ~

Hier ruht Franz Josef Matt
der sich zu Tod gesoffen hat.
Herr, gib ihm die ew’ge Ruh
und ein Gläsle Schnaps dazu.

~ * ~

Inschrift, die Peter Urban (gest. 1788), Mairbauer im Dorf Tirol bei Meran, auf das Grabkreuz seiner zänkischen Gattin setzen ließ:

Hier liegt mein Weib,
Gott sei’s gedankt,
Bis in das Grab hat sie gezankt.
Lauf, lieber Leser, schnell von hier,
Sonst steht sie auf und rauft mit dir.

~ * ~

Hier liegt Amasia zur Seite ihres Mann’s begraben;
Und wo die andern, die bei ihr gelegen haben?
Oho – da müsst ganz allein
Für sie ein eigner Kirchhof sein.

~ * ~

Marienklause (Isartal):

Glück und Unglück
Beides trag in Ruh,
Alles geht vorüber –
Und auch Du.

~ * ~

An einen redseligen Politiker:

Hier schweigt er endlich ungebeten.
Hebt ja den Stein nicht auf,
sonst fängt er an zu reden.

~ * ~

Auf einen langweiligen Schriftsteller:

Hier liegt ein guter Mann,
kaum gütiger zu denken.
Er stahl sich selbst den Schlaf,
um andern ihn zu schenken.

~ * ~

Er hat hinab zur Weißbachschlucht
Nach einem kurzen Weg gesucht,
Er kam hinunter, doch nicht heil –
Der Weg war kurz, jedoch zu steil.

~ * ~

Der November, Toten- und Nebelmonat, beinhaltet im Moment auch den rückläufigen Merkur (bis 26.11.), also „über die Bücher“ überall dort, wo etwas noch nicht stimmig ist.

Nennen wir die Dinge beim Namen, frei heraus, das wird uns und den mit uns Lebenden helfen, Klarheit zu finden.

Irgendwo las ich, wenn der Merkur Ende Monat dann wieder vorwärts läuft, wird sich ein Gefühl einstellen, das uns eine Vorschau davon gibt, wie wir uns Ende Jahr fühlen und ins Jahr 2013 gehen werden.

Entsprechend gespannt bin ich auf Ende November und das Lichten der Nebel Richtung Weihnacht.

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