Schlagwörter

, , ,

Vielleicht interessiert den oder die Eine/n oder Andere/n der Artikel, auf den ich dieser Tage aufmerksam wurde:

Wie lebt es sich im Matriarchat? „Frauenherrschaft? Das ist Unfug!“ vom 12. August 2011

Die Passagen daraus, die mir am meisten sagen:

Dr. Heide Göttner-Abendroth […] Seit mehr als 30 Jahren ist sie auf diesem Gebiet aktiv. Sie kennt zahlreiche Menschen aus matriarchalen Gesellschaften und hat selbst bei den Mosuo in Südwestchina geforscht, die inmitten des chinesischen Staatsgebildes auch heute noch nach klassischen matriarchalen Mustern leben. Im Gespräch zeigt sich: Klischee und Wirklichkeit haben wenig miteinander zu tun.

Heide Göttner-Abendroth: Von den Gesellschaften, die ich als voll matriarchal bezeichnen würde, gibt es heute höchstens noch 20. Mit ausgeprägt matriarchalen Spuren und Mustern gibt es sehr viel mehr.

Viele leben in Rückzugsgebieten wie Gebirgen oder Wüsten, die bis vor Kurzem einfach nicht gut erreichbar waren.

Matriarchate stärken die Stellung der Frau. Wenn die stark ist, heißt das aber nicht, dass die Stellung des Mannes schwach sein muss. Ich bezeichne Matriarchate als Gesellschaften in Balance.

Bei den Mosuo in Südwestchina zum Beispiel […] sind die Männer für Fischerei und Handel zuständig. Die Frauen machen dort den Garten und Ackerbau. Das wird auch nicht vermischt. In Juchitán […] in Mexiko, ist es genau umgekehrt.

Matriarchate werden ja meist mit Frauenherrschaft verwechselt. Das ist aber völliger Unfug. […] Die Männer dort müssen nicht in die Frauensphäre eindringen und die Frauen nicht in die Männersphäre. […] Matriarchale Männer […] verteidigen ihre Kulturen intensiv gegenüber patriarchalen Übergriffen von außen. Sie leben gern in ihrer Gesellschaft.

Das prägende Merkmal ist die Ausgewogenheit in allem: bei Männern und Frauen, zwischen Jüngeren und Älteren, und vor allem auch […] zwischen Mensch und Natur.

Wenn bei uns zwei Menschen in Streit geraten, kommt es zu seelischen Verletzungen, und die beiden Menschen sind meist allein, es hilft ihnen niemand. In matriarchalen Gesellschaften ist bei einem individuellen Streit der ganze Clan da. Und wenn Clans in Schwierigkeiten geraten, dann hilft das gesamte Dorf, die Streitigkeit zu lösen. Das bedeutet: Es ist niemand im Streit allein. Es ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe, Konflikte zu lösen. Und es geschieht stets durch Verhandlungen und Gespräche. Denn so funktioniert auch die ganze politische Entscheidungsfindung. Matriarchale Gesellschaften regieren sich selbst stets durch Verhandlungen mit dem Ziel der Konsensfindung.

All ihre politischen Entscheidungen fallen tatsächlich in Einstimmigkeit. Und das nicht nur im Clan, sondern im ganzen Dorf und in der Region. Das geschieht über ein sehr ausgeklügeltes System von verschiedenen Räten. Der Clan-Rat kommt zusammen, dann der Dorf-Rat und dann der Regional-Rat. Die Beratungen zeugen davon, dass die Menschen eine enorm hohe kommunikative Kompetenz haben. Sie beraten so lange, bis sich über ein Problem, das die Region betrifft, alle Menschen dieser Region einig sind. Ich habe das selbst in China miterlebt. Das funktioniert. Es ist ein politisches Muster, das von vornherein Hierarchie, Klassen, Abwertung und Mundtotmachen von anderen unterbindet. Da sind alle – auch die Minderheiten – integriert, und alle haben was zu sagen. Ich muss natürlich hinzufügen: Es sind keine Riesen-Gesellschaften wie unsere, sondern kleinere.

Es gibt also keine Eheschließungen? Nein, nicht in unserem Sinne. Es sind freie Beziehungen.

Wir haben eine sehr abgespaltene Kultur, die oft am Leben vorbei geht. Den matriarchalen Gesellschaften dagegen ist die Erde heilig, und damit werden die Kinder groß. Es ist eine Kultur, die ständig im Lebenszusammenhang stattfindet. Ununterbrochen.

… die Frage, was wir von diesem Wissen und diesen sehr menschenfreundlichen Mustern in unsere Gegenwart übernehmen können, wird tatsächlich immer lauter […] Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Menschen anfangen, in ihrem Zusammenhang matriarchal zu leben. In alternativen Bewegungen […] In der Öko-Bewegung […] In manchen Gemeinschaften probieren sie auch die Konsensfindung. Die Menschen beginnen damit von unten.

Ich persönlich würde die Art, auf solche Art in Einklang miteinander und der Erde zu leben, nicht matriarchalisch nennen wollen. Es wäre schön, wenn wir die Einteilung in Matriarchat und Patriarchat überhaupt nicht bräuchten. Davon träume ich…

Advertisements