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Angesichts des Beitrags Bloggers Freud und Leid hab ich das Interview mit Klausbernd Vollmar und die bis jetzt dort aufgelaufenen Kommentare gelesen.

Da fand ich u.a. folgendes (Zitat, Anfettungen von mir):

Mindestens 99% der Blogs lassen nur ihre Meinung zu, was letztendlich auch den anderen Lesern nicht fair ist, die nicht erfahren, was andere Leser denken. Ich denke mit Grausen an ein Dubai-Blog, in dem ich gesperrt wurde, weil ich der Bloggerin gesagt habe, was ich von dem Land halte – nur bling – bling, Geld, Kommerz, oberflächlich, selbst die *Altstädte* sind Nachbauten und die Ausländer so gut wie rechtlos. Tut mir leid, so habe ich es dort eben empfunden. Als die Bloggerin schrieb, dass sie dem Ramadan als Schwachsinn empfände, waren dafür reichlich Leute zu finden, die ihr nach dem Mund redeten. Irritierenderweise auch Leute, die in anderen Kulturen lebten, und eigentlich Toleranz gelernt haben sollten.
Das ist der normale Umgang im Internet mit anderen Meinungen – die Blogger suchen nur Bestätigung für ihre Theorien.

Der Prozentangabe würde ich nicht folgen, die Tendenz sehe ich aber ähnlich.

Auf einem Blog mit mehreren Autoren bekam ich einmal zufällig mit, dass ein kurzer Kommentar, der offen als Vorwurf an die Schreiberin gerichtet war (die beiden kannten sich anscheinend persönlich), kommentarlos entfernt wurde. Das war für mich Anlass, den Blog zu verlassen, weil ich schätze, was man gemeinhin Authentizität nennt. Zu der gehört Kritikfähigkeit.

Zum Beispiel hätte man ebenso kurz Stellung nehmen und den Lesern sich ihre eigene Meinung bilden lassen können. Man hätte auch drum bitten können, dieses Thema an der Stelle ruhen zu lassen, weil es auf anderer Ebene – z.B. persönlich – weiter verfolgt oder geklärt würde. Man hätte den Kommentar unter diesen Vorzeichen meinetwegen auch entfernen können, aber mit einem entsprechenden Vermerk und Hinweis. All dies wäre für mich nachvollziehbar und halbwegs tragbar gewesen. Aber kommentarlos löschen geht genau in die oben genannte Richtung: Lediglich Abnicker zu suchen, die einem bestätigen, wie toll man doch sei und wie recht man doch habe.

Nun gebe ich zu, es ist manchmal – wirklich nur manchmal – schmeichelhaft, wenn jemand beipflichtet und eine ähnliche Meinung vertritt oder Vorlieben teilt – WENN DEM WIRKLICH SO IST. Manchmal macht mich dieses konturenlose Zustimmen latent aggressiv. Obwohl oder vielleicht gerade weil es Zeiten gab, da habe ich genau diese Rolle eingenommen: In Foren und auf Blogs zustimmend zu nicken und mich dabei toll zu fühlen. Ich hoffe, dies Verhalten gehört in der Hauptsache der Vergangenheit an ;).

Grundsätzlich sehe ich den Gewinn des Bloggens aber im lebendigen Austausch und darin, dass der Horizont von Schreibern und Lesern gleichermaßen erweitert wird, dass zu andersartigen Sichtweisen oder einfach zum Nachdenken angeregt und Informationen ausgetauscht werden. Natürlich auch darin, sich Verständnis entgegen zu bringen oder auch mal Streicheleinheiten in Form von Worten auszutauschen, aber bitte nicht oben drüber, um künstlich eine heile Welt erzeugen zu wollen.

Wenn ich in der Blog-Landschaft (als Betreiber) stehe und mich abnicken oder anschweigen lasse, könnte ich genauso gut in den Wald gehen und dort meine Ansprache halten. Oder ich lasse meine Leser von vornherein wissen, dass ich lediglich gestreichelt oder angehimmelt werden möchte und sich Andersdenkende bitteschön schweigend verabschieden sollten.

Nun bin ich von Grund auf in manchen Bereichen einfach auch ein neugieriger Mensch. Und so empfinde ich es durchaus interessant, mich zu fragen, warum ich welche Leserschaft auf meinem Blog habe, ob und was das über mich aussagt, ob und was mir das spiegelt, ob und was ich lernen kann.

Zum Beispiel tauchte diesen Sommer ein offensichtlich Nazi-Gedankengut verherrlichender Mensch auf meinem Blog auf und ich war gezwungen, meinen Anspruch auf Authentizität zu überprüfen. Wie wollte ich damit umgehen? Den Kommentar einfach löschen kam nicht in Frage. Ich fand zu der Haltung, meine Meinung offen gegenüber zu stellen und zusätzlich auf der Seite WILLKOMMEN HIER! einen Zusatz einzubringen, wer oder was mir nicht willkommen ist. Außerdem entfernte ich den Kommentar mit meinen Antworten aus der Seite WER ICH BIN – dort wollte ich es nicht haben – und machte einen eigenen Blog-Beitrag draus, so dass mein Vorgehen nachvollziehbar ist.

Ich wusste, warum dies geschehen war und was mir das Ereignis über mich selbst sagte.

Am 22. Aug. 2012 tauchte eine „Johanna“ auf meinem Blog auf und streute Kommentare ein, die persönlich anteilnehmend klangen. Auf den zweiten Blick entdeckte ich, dass der Erstkommentar dieser Person (beim Artikel Energetische Wohnungseinweihung platziert) im Spam gelandet war, weil er einen Link zu einer Seite enthielt, die für Wohnungseinrichtung warb. Nachdem er erst mal im Spam gelandet war, hat „Johanna“ den gleichen Kommentar mit anders formatiertem Werbelink noch einmal eingegeben, so dass er nicht vom Spam-Filter erfasst, sondern auf Anhieb veröffentlicht wurde. Unter diesen Vorzeichen konnte ich die persönliche Anteilnahme nicht sehr ernst nehmen. Jedoch ließ ich alle „Johanna“ Kommentare stehen, entfernte lediglich den Werbelink (und teilte ihr dies per Email mit). Auch dies führte zu einer Ergänzung auf der WILLKOMMEN HIER! Seite.

Alles ist im Wandel und stetigen Fluss und so verändern sich auch die Inhalte meines Blogs und die Art der Aussagen. Alles bleibt so stehen, Leser können die Veränderung mitvollziehen.

Ein paar Mal hab ich Kommentatoren vielleicht auf eine Weise geantwortet, dass sie sich verletzt fühlten. In einem Fall habe ich es geahnt und versucht, mit der Person direkt per Email aufzulösen.

Es ist nie die Absicht zu verletzen, sondern meine Wahrheit zu sprechen, auf die Gefahr hin, dass es nicht schmeichelhaft für mein Gegenüber ist. Ich bin nicht sicher, ob ich diesbezüglich diplomatisch sein kann, aber ich möchte mich in solchen Momenten nicht verstecken und verbiegen. Manchmal möchte ich dann einfach nicht schweigen, sondern aussprechen, was ich wahrnehme und empfinde.

Dieser Beitrag erscheint u.a. in der Kategorie „Beziehungen“. Ich denke, überall wo sich Menschen begegnen, geht es um Beziehungen, auch im Internet. Wie gehst du, wie gehe ich damit um? Spiele ich im Internet, wo mich keiner kennt, eine Rolle und stelle mich entsprechend dar? Spiele ich also den anderen – und vielleicht mir selbst – etwas vor? Baue ich im Internet einen Schein von mir auf, wie ich gerne wäre?

Wir alle kennen das auf die eine oder andere Weise wahrscheinlich. Bleibt lediglich die Frage: Wollen wir daran wachsen und eindeutiger werden, mehr wir selbst? Entdecken wir mehr und mehr die Schönheit unseres ureigenen Seins, jenseits von Rollen und Schein? Können wir mehr und mehr zu uns stehen, genau so wie wir jetzt gerade in diesem Moment sind? Und werden wir mit der Zeit unabhängiger von den Rückmeldungen und stehen einfach zu uns? Das ist es, was mir für mich persönlich am Herzen liegt.

Nun, der Artikel heißt „Vom Bloggen“ und hat sich beim Schreiben ausgeweitet auf andere Kommunikationsformen im Internet. Wie auch immer – ich lerne im und mit dem Internet, am und mit dem Bloggen…

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