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Gestern habe ich erfahren, dass meine Nachmieterin die Küche in meiner Wohnung nicht übernehmen möchte, weil sie ihre eigene – ziemlich neue – mitbringt.

In unserer neuen Wohnung ist soeben eine neue Küche eingebaut worden, darum bin ich auch dankbar. Überhaupt scheint es in der Schweiz üblich, dass Mietwohnungen eine Küche haben, die der Vermieter stellt. Damit erledigt sich nicht nur, dass man eine kaufen muss, es erledigt sich auch beim Auszug die Frage: Reißt man sie raus und nimmt sie mit, sofern sie überhaupt passt, nur damit der nächste wieder eine kaufen muss und beim Auszug wieder das Risiko hat, ob sie der Nachmieter übernimmt, er sie mit umzieht oder er sie anderweitig an den Mann / an die Frau zu bringen hat. Die Räumlichkeiten (Wände) werden durch das dauernde Auf- und Abbauen von Küchen auch nicht besser. Nachteil der schweizer Lösung ist natürlich: Man kann sich die Küche nicht aussuchen. Dafür wählt man die Wohnung nach solchen Kriterien. Gefällt die Küche nicht, sucht man sich eine Wohnung, wo die Küche gefällt. Auch eine Möglichkeit.

Wohin aber nun mit dieser hier – vor allem innerhalb der nächsten drei Wochen – fragte ich mich gestern?!

Ich liebte diese Küche, sie war ein besonderer Traum, den ich mir bei meinem Einzug vor gut 14 Jahren erfüllt hatte: Eine Echtholzküche von IKEA, individuell zusammen gestellt. Aber ich hatte sie jetzt bereits los gelassen und war relativ sicher, dass kein Nachmieter ihr widerstehen könne. Nun, meine Nachmieterin konnte :).

Nächste Überlegung war: Mag sich jemand mit einer so alten Küche die Mühe mit dem Ab- und Aufbau und Transport machen? Und wenn ja, kann ich noch etwas dafür verlangen oder muss ich froh sein, wenn es jemand für geschenkt tut? Neupreis war damals 5000 €, aber mit gebrauchten Gegenständen ist das so eine Sache, da scheint sich innerhalb der letzten 10 – 15 Jahre viel verändert zu haben, wie meine Erfahrung der letzten Wochen zeigte.

Jedenfalls hab ich gestern Abend gleich mal angefangen, sie zu schrubben und Foto-tüchtig zu machen. Während dessen fiel mein Blick aus dem Küchenfenster auf eine Frau im Nebenhaus, die auf dem Balkon saß. Ich dachte: Hm, die kennt immer so viele Leute. Warum sie nicht fragen, ob sie grad jemanden weiß, der meine Küche brauchen könnte? Gesagt, getan. Heute Morgen kam sie die Küche anschauen und meinte: So eine schöne Küche! Schade, wenn ich Platz hätte, würde ich sie selbst nehmen. Aber sie bekommt bei sich keine L-Küche rein. Sie fragt jedoch in ihrem Bekanntenkreis herum…

Bei der Gelegenheit versicherte sie, dass es schade sei, dass wir so netten Leute wegziehen und wenn wir beim Umzug Hilfe brauchen, sie würde auf jeden Fall helfen und könne auch noch Bekannte mobilisieren, das sei kein Problem. Ja, das ist natürlich ein schönes Angebot, das ich so auch nicht erwartet hätte!

Gegen Mittag rief ihr Bruder an, er komme morgen, sich die Küche ansehen.

Während dessen hab ich ein Schreiben für 11 Nachbarn in meinem Haus gemacht, in dem steht, dass wir ausziehen, ich ein paar Sachen zu verschenken hätte und eine Holzküche, für die ich noch etwas möchte, Verhandlungsbasis 500 €. Ich dachte, vielleicht gibt es eine Wohnung mit gleichem Schnitt wie unsere, wo sie rein passt und derjenige sie mag. Der Weg wär nicht so weit und jeder wäre glücklich.

Nachdem ich diese Zettel bei den Nachbarn eingeworfen hatte, fing ich an die Küche frei zu räumen und zu fotografieren. Dann machte ich zwei kostenlose Online-Anzeigen (bei ebay Kleinanzeigen und Quoka).

Sie war noch nicht lange online, kam der erste Anruf. Ob die Küche noch da wäre? Ich sagte: Ja, ja, habe sie ja eben gerade eingestellt.

Ja, aber es haben schon viele Leute die Anzeige angeschaut – war die Entgegnung. Da hatte sie recht. Beim Zähler der Clicks konnte man zusehen, wie er nach oben ging… Sie hätte morgen Abend Zeit zu kommen. Ich bat sie, bevor sie wegfährt nochmal kurz anzurufen, denn wenn sich inzwischen ein Verkauf ergäbe, bräuchte sie nicht umsonst herkommen. Oh, damit hab ich sie mobilisiert. Vielleicht könne sie auch heute Abend schon kommen, sie telefoniert nochmal mit ihrem Mann und meldet sich dann. Fazit: Heute geht nicht, sie kommt morgen, ruft aber vorher an, ob es noch aktuell ist.

Nicht lange danach ein zweiter Anruf, ob die Küche noch da sei. Nun, der Herr wollte heute Abend anschauen kommen, vorher aber noch mit seiner Freundin sprechen und er würde sich dann nochmal melden. Was er nicht tat.

So bin ich erst mal in den Park los gezogen, mich ein bisschen auslüften. Unterwegs kam eine SMS: Sie würde die Küche nehmen, habe auch schon eine Mail geschickt, müsse aber erst noch die Maße vergleichen. Ich antwortete ihr, dass ich für das Interesse danke, sie soll sich einfach nochmal melden wenn sie weiß, ob die Maße passen, dass ich die Küche aber nicht reserviere.

Wieder daheim, entschloss ich mich zu einer kleinen Räuchermeditation, um wieder runter zu kommen. Das Küchenthema fing an stressig zu werden.

Danach ein Anruf, ob ich die Maße jedes einzelnen Schrankes der Küche per Email mitteilen könnte, sie sei nämlich nicht sicher, ob das alles so machbar ist, wie sie sich das denkt. Sie wäre dran gewesen eine neue Küche zu kaufen, morgen müsste sie den Vertrag unterzeichnen, das würde ihr aber doch zu teuer. Ich versprach, mich dran zu machen und das Mail zu schicken, worauf sie sagte: Aber bitte noch heute Abend, morgen um 10 Uhr habe ich den Termin, bis dahin muss ich es wissen! Ja, ich versprach, es noch heute Abend zu machen.

Wollte jedoch vorher noch was zu Abend essen, ich hatte Hunger. Während dem Essen kam der nächste Anruf, sie hätten die Küche gerne für ihren Sohn, der weile aber momentan nicht in München, ob es nächste Woche auch noch möglich wäre die Küche anzuschauen? Ich entgegnete, dass das kein Problem sei, ich ihnen aber sagen müsse, dass schon Interessenten da seien. Darauf meinte der Herr, das könne er sich vorstellen, hm, dann könnten sie ja inzwischen trotzdem schon mal kommen die Küche ansehen. Ja klar. Dann ziehen wir uns jetzt an und kommen. Wir sind in ………….. (naher Staddteil). Das ließ ein Eintreffen in Kürze vermuten.

Schon der nächste Anruf… Ob er sich die Küche anschauen könne? Jetzt gleich? Ja, es kommt zwar heute Abend schon jemand zum Anschauen, morgen auch, aber sie können gerne kommen. Er sei am ………platz (ganz in der Nähe) und komme direkt her.

Nun war eine Weile Stille, niemand rief an, niemand kam. Ich fragte mich schon, ob die Leute Probleme mit dem Finden in unserem Viertel mit vielen Einbahnstraßen hätten oder auch mit dem Parken? Schließlich klingelte es doch. Ich betätigte den Türöffner, kurz drauf klingelte es nochmal. Hm, dachte ich: Kommen beide jetzt miteinander? So war es. Die ersten Herrschaften sind gleich rein, fragten ob sie in die Schränke reingucken dürfen, während dessen kam der zweite Herr und stand erst etwas verlegen herum, bis er sich traute, auch ein wenig näher ran zu gehen.

Die ersten hatten den Meterstab ausgepackt und waren am Herummessen und Planen: Dies könnte man hier weg machen und auf der anderen Seite ansetzen… Während dessen machte ich sie darauf aufmerksam, dass die Küche bereits 14 Jahre alt sei und man daher damit rechnen müsse, dass die Geräte dann mal ihren Dienst aufgeben, obwohl sie bisher tadellos und ohne jede Störung gelaufen seien. Beide Interessenten meinten, das sehe man der Küche absolut nicht an, ich hätte sie gut in Schuss gehalten.

Nachdem die ersten Interessenten mit Messen und Planen fertig waren, sprachen wir noch über einen passenden Abholtermin und sie meinten, ja also sie wären auf jeden Fall sehr interessiert. Ich bat sie, Namen und Tel.-Nr. auf einen Zettel zu schreiben, ich würde gerne die Interessenten von morgen abwarten und werde morgen Abend Bescheid geben.

Als sie weg waren, traute sich der zweite Herr endlich selbst zu sprechen und meinte, damit sei es ja wohl schon erledigt, die Leute wollen die Küche ja. Ich sagte, ich würde mich erst morgen entscheiden, denn die Herrschaften von eben müssten an der Küche herum basteln. Vielleicht fände sich ja jemand, der die Küche genau so, wie sie da steht, nutzen kann. Darauf fing er an nochmal genauer zu schauen und erklärte, er müsse auch was ändern, er möchte nämlich irgendwo eine Waschmaschine mit unterbauen. Hm, mir erklärte sich überhaupt nicht, wie er sich das vorstellte, wo da eine Waschmaschine mit drunter passen könnte? Er kenne sich zwar mit Küchen nicht so gut aus, aber er sei Techniker und meine, er würde da schon irgendeine Lösung finden. Wir fingen an die Breite des Spülenunterschrankes zu messen (er meinte alles sei auf 60 cm genormt, da geht überall eine Waschmaschine rein). Tatsächlich ist der Spülenunterschrank 58 cm breit und dann fiel ihm auf, dass ja unter das Spülbecken keine Waschmaschine mehr rein passt. Aber seine Freundin habe die Küche im Internet gesehen und gemeint, die sei sehr süß, sie würde ihr gefallen. Er drückte noch seine Überraschung aus, dass die Küche aus echtem Holz bestehe. Das Angebot sei so schon günstig gewesen, unter diesen Umständen aber ein wahres Schnäppchen. Aber für Studenten wie ihn und seine Freundin natürlich das Richtige, um einen Start in eine gemeinsame Wohnung wagen zu können. Er hinterließ ebenfalls Name und Telefonnr. und ich versprach, morgen Bescheid zu geben.

Als auch dieser Herr gegangen war, fing das Telefon wieder an… Und ich merkte, jetzt bekomme ich Kopfschmerzen, langsam reicht es. Ich erklärte den Anrufern, die Sache sei gelaufen, es gäbe schon genügend Interessenten und ich würde die Anzeigen in Kürze aus dem Netz nehmen.

Dann rief nochmal die Dame an, die auf die Einzelmaße per Mail wartete: Sie hätten sich die Sache nochmal näher angeschaut, es werde auf jeden Fall passen, sie würden direkt morgen vorbei kommen und eine Anzahlung machen. Sie war fast etwas beleidigt, dass inzwischen andere Leute da waren und zugesagt haben, dass sie die Küche nehmen würden und ich sie nicht mehr berücksichtigen wollte.

Als ich gerade die Anzeigen deaktiviert hatte, kam noch ein Anruf. Er käme gerade vom Geschäft, hätte daher nicht früher anrufen können, er interessiere sich sehr für die Küche (meinen Einwand redete er nieder) und wollte zuerst einmal fragen, was mein letzter Preis sei? Jetzt kam ich dazu zu sagen, dass genug Interessenten vorliegen und ich die Küche auf jeden Fall für 500 € verkaufen werde, ihn daher nicht mehr berücksichtigen könne. Er war so aufs Handeln und Kämpfen eingestellt, dass es ihm einen Moment lang schwer fiel zu begreifen, was ich gesagt hatte.

Nun denn, jetzt ist erst mal…

und die brauch ich jetzt auch.

Eigentlich wollte ich nur eine Küche verkaufen. Ich glaub ich werde langsam alt…

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