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von Jana Jacobi (Pseudonym), topos taschenbücher

Die Autorin, die sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, kenne ich nunmehr seit vielen Jahren und habe mich während dieser Jahre intensiv mit ihr ausgetauscht. Dass sie bei Scientology war und ein Buch darüber verfasst hat, wusste ich, jedoch hat es mich nie sonderlich „gerissen“, es zu lesen. Das hat sich vor ein paar Tagen plötzlich geändert, ich hab mich selbst darüber gewundert.

Gestern und heute zog es mich in seinen Bann, jetzt bin ich durch. Es ist kurz und knapp auf alles Wesentliche reduziert, frei von persönlicher Dramaturgie, mit ausreichend persönlichem Abstand geschrieben und enthält u.a. Einblick in die Mechanismen, wie man Menschen emotional und mental abhängig machen und halten kann und einen sehr guten Einblick in das System Scientology.

Da ich bei den Zeugen Jehovas war und einen Weg heraus gefunden habe, dachte ich, über diese Dinge vielleicht genug aus eigener Erfahrung zu wissen; jedoch hat mich dieses Buch zusätzlich bereichert. Wenn ich die Zeugen Jehovas aus meinem Einblick und Scientology aus ihrem Einblick nebeneinander stelle, würde ich sagen, die Zeugen Jehovas sind die kleine harmlosere Schwester von Scientology.

Die soziale Kontrolle ist bei Scientology ausgeklügelter durch schriftliche Berichte etc. Die Bindung, Abhängig-Werdung bzw. der u.U. persönliche Ruin durch den finanziellen Aspekt bei Scientology stellt sich bei den ZJ als weit weniger vordergründig dar, obwohl es auch dort Bedenkliches dazu gibt. Insgesamt gesehen ist Scientology ein ganz schön perfides, krasses System, das geht unter die Haut. Obwohl ich auch sehr gut nachvollziehen kann und das im Buch angesprochen wird, wie es dazu kommen kann, dass jemand wie Ron Hubbard so ein System aufzieht und letztendlich vermutlich selbst daran glaubt. So gesehen ist er ein Spieler im großen Spiel des Lebens und erschafft die Bühne für viele persönliche Dramen und Lernerfahrungen.

Was mich u.a. im Buch jetzt berührt hat ist das Detail zum abhängig Machen, indem man ans Ende jeden Kurses ein Mysterium stellt,

so dass derjenige unbedingt mehr wissen und weiter machen möchte. Haarsträubend, wenn man schließlich erfährt, welche Infos in den gehobenen fortgeschrittenen Stufen, auf die ein „Anfänger“ sehnsüchtig und vielleicht sogar neidisch hoch guckt, dann tatsächlich geboten werden.
Un-fucking fassbar!

Ich glaube, das ist etwas, das mich auch während der vergangenen Jahre in der Esoterik noch getrieben hat… Solange Dinge im Ungewissen stehen, nur vage angedeutet werden, schwammig großspurige Worte um etwas gemacht werden, das wenig konkret fassbar ist – das ist aus meiner Sicht (war es jedenfalls für mich) durchaus ein Punkt, der mich bei der Stange hielt, die Neugier und Wissbegier schürte, das dran Bleiben, weiter Machen, weiter Suchen etc. Immer mit dem Gefühl: Da muss noch mehr sein. Ich bin noch nicht am Ziel. Ich muss weiter suchen, ich muss besser verstehen.

Gegen persönliche Weiterentwicklung und Fortschritt ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Nur die getriebene innere Suche, die mich selbst im Jetzt nicht stehen und verweilen lassen kann, die mir das Gefühl gibt, in der Zukunft ist das Wahre zu finden, in der Zukunft werde ich der Mensch sein, der ich sein möchte, dorthin muss ich streben mit all meiner Energie, die tut mir nicht gut, weil sie verhindert, dass ich ja sagen kann zu mir, hier und jetzt.

Bereits beim Film Sommer in Orange (meine Rezension) war ich an manchen Stellen etwas peinlich berührt im Rückblick auf das eigene Verhalten innerhalb der Esoterik-Szene. Durch das Buch über Scientology wurden mir jetzt noch andere Details über mich bewusst.

Es gibt in München einen Psychotherapeuten, der sich auf Sekten- und Kult-Aussteiger spezialisiert hat, Dieter Rohmann

Ich kenne ihn seit vielen Jahren und war damals angenehm berührt, als er in meiner Zeit der Organisation von Selbsthilfetreffen für Ex-Zeugen Jehovas unentgeltlich bereit war, unsere Gruppen-Treffen zu unterstützen. Später (vermutlich bis heute) hat er (in Zusammenarbeit mit dem früheren infolink) Modul-artig aufeinander aufbauende Aussteiger-Seminare angeboten, die Betroffenen helfen konnten, die Mechanismen und Wirkungsweise zu verstehen, die bei ihnen persönlich zur Sektenzugehörigkeit geführt haben. Die Seminare sollten helfen, diesen Prozess umzukehren und die abhängig machenden Strukturen in sich selbst zu erkennen und damit zu arbeiten.

Ich habe an diesen Seminaren nie teilgenommen. Ich war sehr skeptisch, mich nun quasi von der Gegenseite „bereden“ zu lassen. Ich wollte meinen Weg selbst, auf andere Weise, finden.

Als ich von Dieter Rohmann vor etwa drei Jahren hörte, dass er inzwischen viele Ex-Esoteriker in Therapie hat, die dort auf ähnliche Weise in eine Abhängigkeit geraten waren, stand ich dieser Information wieder recht skeptisch gegenüber. Ich wollte selbst heraus finden was gut für mich ist und ich wollte das in der Esoterik nicht schlechtreden lassen, was mir gefiel, mich anzog und mich auch zu nähren schien. Ich ging meinen eigenen Weg.

Der mich anders an die Details heran führt, die für mich persönlich wichtig zu sehen und verstehen sind, um emotional und mental immer unabhängiger und stabiler leben zu können.

Das Buch von „Jana Jacobi“ ist für mich ein zusätzlicher kleiner Baustein auf diesem Weg mit hilfreicher Info.

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