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Als ich 1991 für ein paar Monate im Frauenhaus lebte, fand ich in der Bibliothek ein Buch, das mich sehr berührte: „Die Liebe und ihr Henker“ von Irvin D. Yalom, einem amerikanischen Psychotherapeuten. Seine Kritik- und Reflexionsfähigkeit gegenüber seiner eigenen Tätigkeit beeindruckten mich, aber auch seine hervorragende schriftstellerische Gabe.

In dem Buch beschreibt er die Geschichte einer älteren Dame, die – obwohl mit einem sehr netten Mann verheiratet – sich quälend nach einer früheren Liebe verzehrte. Yaloms Bemühungen, sie von ihrer Obsession zu befreien, drohten zu scheitern, so dass er in seiner Hilflosigkeit nach einem letzten Mittel griff. Nach Rücksprache und mit Hilfe ihres Ehemannes arrangierte er ein Treffen. Sie sollte ihrer früheren Liebe begegnen, mit Yalom als Vermittler. Zuerst war sie gegen so ein Treffen, schließlich stimmte sie aber zu.

Das Treffen brachte die unterschiedliche Wahrnehmung von ihr und diesem Mann zutage. Ihre dadurch entstandene Desillusionierung und Leere erlebte sie als so verstörend, dass sie keinen Weg fand, damit umzugehen. Die folgenden Gespräche mit Yalom vermochten ihr nicht mehr zu helfen. Sie nahm sich das Leben.

Yalom war sehr betroffen und fragte sich, ob er das Recht gehabt habe, dieser Frau ihre Illusion zu rauben, die ihr offensichtlich die Kraft zum Leben gegeben hatte. Die Patientin hatte davor bereits mehrere langjährige und erfolglose Therapien gehabt und war auf Empfehlung zu ihm als letzte Hoffnung gekommen. So fragte er sich, ob sein Anspruch auf erfolgreiche Therapie in diesem schweren Fall größer war als das Mitgefühl und die Klarheit zu sehen, dass diese Frau mit ihrer Obsession lebte, weil sie den Schmerz der Wahrheit nicht verkraften konnte.

Gerade heute habe ich mich an das Buch erinnert und verstanden, warum es mich so fasziniert hatte. So eine Obsession gab es auch in meinem Leben: Eine erste Liebe, die unerfüllt blieb, so dass ich mich lange Jahre innerlich danach verzehrte, besessen von dem Wunsch, dass es mir bestimmt sei diese zu leben.

Ich hatte – wie die Frau im Buch – schließlich einen anderen Mann geheiratet. Mit diesem hatte ich zwei Kinder. Als meine Ehe in die Brüche gegangen und eine zweite langjährige Beziehung geendet hatte, suchte ich erneut den Kontakt zu meiner ersten Liebe. Auch er hatte geheiratet und inzwischen Kinder, war in seiner Ehe gerade in einer Krise und hatte – wie er mich wissen ließ – unsere Liebe ebenfalls als etwas besonderes in seinem Herzen bewahrt. Ich war überglücklich und hoffte auf ein Happy End: Ein gemeinsames glückliches Leben. Erst schien es in diese Richtung zu gehen. Aber nach ein paar Monaten des gegenseitigen aufflammen Lassens der Liebe machte er noch einmal einen Rückzieher und versöhnte sich mit seiner Frau. Ich trauerte ein Jahr lang, während dem ich nur das nötigste im Alltag erledigte und das Gefühl hatte, mein Leben würde sich nie wieder so leben lassen wie vorher.

Auch nachdem die tiefste Trauer überwunden schien und wieder mehr Lebendigkeit in mich einkehrte, blieb ich emotional gebunden. Hinzu kam helle Wut, innere Streitgespräche, Rachegedanken. Ich konnte die Fixierung auf diese Person nicht loslassen und fühlte mich mit meinem Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein als Liebespartnerin inzwischen so im Keller, dass ich mich schließlich auf Beziehungen einließ, die mir nicht nur nicht bekamen, sondern masochistische Züge annahmen.

Dann lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Lernte mühsam und über viele Jahre, mich selbst wieder zu lieben, mich als Liebespartnerin selbst ernst zu nehmen, mich überhaupt wirklich lieben zu lassen.

Wir begannen einen gemeinsamen spirituellen Weg, der uns zu umfassender Klärung führte. Ein Heil- und Ganzwerdungsprozess ergab sich.

Gestern kam mir meine damalige erste Liebe wieder in den Sinn, als ich abends am PC saß. Nun war zu meiner Überraschung eine Spur von ihm im Netz zu finden, ein Foto, auch eine Email-Adresse. Ich war zunächst erstaunt, wie fremd er auf dem Foto auf mich wirkte, wieviel inneren Abstand ich zu ihm empfand. Ich schaute mir zu, wie emotional neutral ich reagierte und spürte, wieviel sich inzwischen in mir beruhigt und verändert hat.

Nachdem ich noch ein wenig im Netz gesurft hatte, entschloss ich mich, einen kleinen Email-Gruß zu senden, das wäre trotzdem nett, fand ich. Es flossen ganz andere Worte als früher aus mir heraus, auch weniger. Ich wollte wissen, ob es ihm gut geht. Neugierig bin ich ja immer…

Danach bemerkte ich inneren Aufruhr. Ich fragte mich, ob ich mit der Mail nicht einen Fehler gemacht hätte? „Aber nein“, sagte eine innere Stimme, „alles ist gut. Du suchst kein altes Drama zu verlängern, Du kannst überhaupt nicht mehr in ein solches einsteigen, so wie Du inzwischen drauf bist. Vertrau Dir. Schau einfach was passiert und bleib bei Dir.“

Heute kam eine Antwort von ihm. Ich schrieb zurück. Freundliche, aber gegenüber früher irritierte, ungewohnte Töne. Das alte Muster funktioniert nicht mehr. Ich wüsste gerne, wie es ihm wirklich geht, darüber hat er noch nichts gesagt. Vielleicht erfahre ich es, vielleicht auch nicht.

Was auch immer jetzt geschieht, ich fühle mich in mir sicher und klar, emotional frei. Was ich einst für wahre einzige Liebe gehalten hatte, war eine Obsession, von der es eine Heilung gab. Es hat lang gedauert, aber ich wurde geführt. Ich schaue zurück, schaue ins Jetzt, schaue und staune. Der ganze Umfang und Zusammenhang dessen, was da mit mir geschah, ist mir heute noch einmal ganz deutlich geworden.

D A N K E

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