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Aus dem Buch Krankheit und die Suche nach dem Sinn von Jean Shinoda Bolen:

Der Abstieg in das eigene Unterbewusstsein und die Auseinandersetzung mit seinen Schatten, kann man gut vergleichen mit der Unterwelt (in der griechischen Mythologie Hades). Dieser Abstieg in die eigenen seelischen Tiefen hat einen Preis, auch Wegezoll genannt. In der Mythologie besteht er oft aus der Abgabe bzw. dem Verlust von Herrscher- oder Machtinsignien wie Krone, Mantel, Schmuck… bis zur gänzlichen Nacktheit.

Im Falle von Krankheit und Lebenskrisen geht dieser Wegezoll manchmal einher mit dem Wegfall von Achtung innerhalb der Gesellschaft oder auch Achtung vor sich selbst. Wir verlieren vielleicht unser früheres Ansehen und die gesellschaftliche, berufliche, familiäre, partnerschaftliche Stellung. Wir legen als Wegezoll aber auch Masken ab, geben frühere Definitionen unseres Selbst auf, beenden Muster nach denen wir funktioniert haben, lassen Vorstellungen hinter uns, die uns eingeengt oder krank gemacht und sich als untauglich erwiesen haben, treten aus Rollen, denen wir nicht mehr gerecht werden können oder wollen. Wir lassen immer mehr los, weil wir nicht mehr anders können. Schließlich bleibt die bloße Essenz, die wir sind.

In diesem Zustand fühlen wir uns gänzlich nackt und äußerst verletztlich. Oft ist unser Umfeld dezimiert, weil sie den Abstieg nicht mit uns gehen konnten. Vielleicht fühlen wir uns verlassen und allein. Aber wir haben auch Ballast verloren und vielleicht neue Verbündete gefunden, die als einzige in der Lage waren, uns auf diesem Weg zu begleiten.

Wenn nur die Essenz bleibt, was sind wir dann? Halten wir den Zustand aus, bis alles gegangen ist, das uns nicht mehr dient. Halten wir Nacktheit und Leere aus, bis nährende Stille und Frieden Raum fassen können. Aus dem scheinbaren Nichts heraus möchte Neues erwachsen, in transformierter Form, mit gewandelter Kraft und Energie, zarte Sprosse zunächst. Alles zu seiner Zeit…

Siehe auch Krankheit und Sinnsuche (Teil I)

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