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Ich lese gerade das Buch Krankheit und die Suche nach dem Sinn von Jean Shinoda Bolen.

Es beinhaltet viel Erfahrungswissen der Autorin in Verbindung mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs und Aids. Sie beschreibt, dass diese Krankheiten es häufig mit sich bringen, dass der/die Betroffene in die eigene Unterwelt hinabsteigt und dort bis dahin Unentdecktem oder aus dem Tagesbewusstsein Verdrängtem begegnet und sich damit auseinandersetzt.

Da sie in der Einführung schreibt:

Das chinesische Schriftzeichen für “Krise” besteht aus den Zeichen für “Gefahr” und “Zeitpunkt”. Jede lebensbedrohliche Krankheit ist für einen Menschen eine größere Krise, die die Grundlagen aller vorherigen Annahmen erschüttert. […] Zudem ist eine lebensbedrohliche Krankheit eine Krise für die Seele. […] Dieses Buch entstand aus einer Reihe von Vorlesungen und Workshops über Krankheit als den Abstieg der Seele in die Unterwelt und die daraus erfolgende Heilung.

kann das im Buch Gesagte ebenso in Seelen- oder Sinnkrisen gelten. Die meisten von uns erfahren im Laufe ihres Lebens mehrere davon. Und mir scheint, das Gesagte betrifft ebenso die sogenannten spirituellen oder psychischen Krisen oder spirituell bzw. psychisch tiefgehendes Entwicklungsgeschehen, das nicht selten mit sehr unangenehmen und schmerzlichen Phasen einhergeht.

Die Reihenfolge, ob ich zuerst körperlich krank werde und im Zusammenhang damit psychisch leide und mir Sinnfragen stelle oder zuerst nach einem tieferen Sinn meines Lebens suche und in Verbindung damit vorübergehend oder länger andauernd auch körperlich und/oder psychisch erkranke, scheint keine Rolle zu spielen. Krisen jedweder Art bringen uns dazu, unser Leben zu hinterfragen. Die Autorin schreibt:

Bei jeder besonderen Krankheit sind die Seelenfragen die gleichen wie im normalen Leben auch: Was ist hier unsere Aufgabe? Was wollen wir hier lernen? Was wollen wir heilen? Was und wen wollen wir lieben? Wozu sind wir hier? – Fragen, die mit der Essenz unseres Seins zu tun haben.

Ihre intensiven Erfahrungen haben sie auch gelehrt, dass das durch die Krise Gelernte dazu führen kann, dass jemand dann friedlich stirbt oder aber weiterlebt und die neue Sicht in sein Leben einbringt.

[…] Seelenreich […] wir verschaffen uns den Zugang dorthin, indem wir dem Impuls folgen, Musik zu spielen, zu singen oder zu hören, zu tanzen, zu malen oder zu zeichnen, all das zu achten und auszudrücken, was hochsteigt, wenn wir uns dem Fluß der eigenen Gefühle öffnen, wenn wir Tagebuch führen und Gedichte schreiben, wenn wir uns mittels Gebet und Meditation, Schweigen oder Unterhaltungen auf der Seelenebene befinden. Wenn diese Tore zum Seelenreich vertraut sind, ist der Zugang nicht mehr schwierig.

Die innere Welt der Seele ist für viele ein fremdes Land. Extrovertierte Menschen, die darauf stolz sind, praktisch und logisch zu sein, die Versorger, die sich stets auf die Bedürfnisse anderer konzentrieren, die Arbeitstiere, für die produktiv zu sein ein Maßstab für ihren “Wert” ist, haben noch nicht oft Ausflüge in ihre innere Welt unternommen. […]

[…] Das Führen eines Tagebuchs – auf Papier oder in der Erinnerung – stellt den nächsten Schritt dar, aus dem man lernt, wie wertvoll es ist, sich den Bildern, Phrasen, Gefühlen und Gedanken zu widmen, die aus den eigenen Tiefen aufsteigen. Einem deutlichen Traum muß man sich widmen, indem man ihn aufschreibt, sonst wird man sich womöglich nicht lange an ihn erinnern, und selbst wenn er im Gedächtnis bleibt, gehen Einzelheiten verloren. Das Betrachten der Details eines Traums führt vielleicht dazu, über Teile davon nachzudenken, was zu weiteren Erinnerungen und Assoziationen führt. Das kann Menschen, die ein mehr oder minder verschwommenes Unbehagen empfinden, die zwanghaft von etwas besessen sind, anregen, sich in die Kommunikation mit der träumenden Psyche zu versenken.

Nachdenken bedeutet, eine meditative Haltung einzunehmen, mit offenem, empfänglichem Verstand und Herzen. Genau das wird von vielen Menschen durch Abgeschiedenheit, Meditation oder Öffnung im Gebet erreicht, bei anderen durch Wandern, Joggen, Angeln, Gartenarbeit oder Nähen. Gleich, was wir brauchen, um die leise Stimme in unserem Innern zu vernehmen oder den stillen Kern im Zentrum zu erreichen, es geht dabei immer auch um die Wege zur inneren Welt unserer Seele. Wenn diese Welt ein unbekanntes Gebiet ist, wenn Krankheit die Wege versperrt, die wir einst benutzten, können wir Pfade ausprobieren, die andere gegangen sind, und wir können von anderen lernen. Genauso wie man sich bei der Überweisung an einen Arzt um dessen Ruf, seine Erfahrung und Ausrichtung kümmert, ist es möglich, sich therapeutisch beraten zu lassen oder sich in Kursen über die verschiedenen Formen von Meditation und spiritueller Entwicklung, über Traum- und Tagebucharbeit und über Ausdruckstherapien zu informieren.

Wo immer es Dich persönlich auf der Suche nach Antworten hin zieht, horche auf diesen Ruf Deiner Seele. Dein Weg sollte der sein, der genau zu Dir passt.

Ein interessanter Punkt im Buch ist “Die Zurückgewinnung unserer abgespaltenen Anteile”. Die Autorin erklärt es so, dass wir im Laufe unserer Erziehung und Sozialisierung durch Familie und Umwelt bestimmte unerwünschte oder mit Strafe belegte Persönlichkeitsanteile aufgeben und nicht mehr leben. Meine persönliche Erfahrung und meine Sicht der Dinge sagt, dass wir manche unserer Persönlichkeitsanteile bereits in anderen Leben zurück gelassen haben und den “Mangel” bereits in dieses Leben mitbringen. Von welchem Ansatz man auch ausgehen mag, diese Anteile können wieder integriert werden.

Welchen Weg wir dazu wählen, ob wir uns dabei begleiten lassen oder nicht und wenn ja, von wem, sollte ganz der persönlichen Vorliebe, dem eigenen Hingezogensein, dem eigenen Herzen entspringen. Einen schnellen Weg gibt es aus meiner Sicht oft genauso wenig wie Wunderheilung. Aber jeder Schritt auf diesem Weg kann uns reich und bewusster machen. Die eigenen Erfahrungen, die wir auf diesem Weg machen, sollte uns einerseits niemand vorwegnehmen wollen, andererseits funktioniert es nicht (jedenfalls nicht langfristig), diesen aus dem Weg gehen zu wollen, etwa indem wir die eigene Verantwortung auf andere übertragen oder in sie projizieren. Auch das ist eine Erfahrung und manchmal will sie gemacht werden. Auch sie bringt uns weiter.

Wo immer wir in unserem Leben länger anhaltenden Widerständen begegnen, uns durch familiäre, finanzielle oder sonstige Grenzen quälend behindert fühlen und wir irgendwann keine Kraft mehr haben dagegen an zu kämpfen und so in eine Krise geraten, so dass wir nicht mehr weg schauen oder verdrängen können, dass es an der gewünschten Stelle so nicht weiter geht, steckt in der Regel der Ruf unserer Seele dahinter, in unsere Tiefen hinab zu steigen und uns dort weisen Rat zu holen.

Ich wünsche Dir und mir immer wieder neuen Mut, Ausdauer und Gelassenheit, sich den nach oben drängenden inneren Anliegen zu stellen und die notwendigen Prozesse geschehen zu lassen. Haben wir die Blockaden aufgespürt und Wege gefunden sie aufzulösen, kehrt meist unsere Kraft und Energie zurück, die uns befähigen, mit neu gewonnener klarerer Sicht weiter zu gehen.

Anmerkung 14. Aug. 2011: Dieses Buch habe ich – genauso wie eine Freundin – zwar begeistert angefangen zu lesen, aber nie zu Ende gelesen. Die hier genannten Auszüge waren das Wertvollste für mich daran.

Siehe auch Die Unterwelt / Krankheit und Sinnsuche II

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