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Ich habe sie heute mit dem Newsletter der Tierheilpraktikerin Sandra Schuster erhalten; mit dem Hinweis, dass die Geschichte zwar etwas länger ist, es sich aber lohnt sie zu lesen. Nun, da gebe ich ihr recht :). Die Geschichte stammt ursprünglich von Barbara Fegerl.

Dieses Jahr beschloss eine Gruppe von Tieren, ihren Menschen ein ganz besonderes Geschenk zu machen: Sie wollten sie an die Kraft der Liebe erinnern. Einige Tage vor dem Weihnachtsfest versammelten sie sich auf einer Waldlichtung und berieten, was sie tun könnten, um das Herz ihres geliebten Herrchens oder Frauchens zu berühren.

Kater Max meldete sich zu Wort: “Wir jagen so viele Vögel, wie wir können und schenken sie ihnen als Liebesbeweis. Wenn wir den ganzen Tag ohne Unterlass jagen und die Geschenke vor ihnen auftürmen, dann werden sie sehen, wie groß unsere Liebe zu ihnen ist.”

Die Stute Lisa schüttelte angewidert den Kopf. “Tote Mäuse als Liebesbeweis? Wie ekelerregend! Ich werde mein Frauchen stundenlang abschmusen, dann spürt sie, wie lieb ich sie habe!” Marco, ein pensioniertes Rennpferd stampfte mit dem Huf auf. “Wenn du das tust, wird dein Frauchen denken, du bist respektlos und dir einen Klaps auf die Nase geben. Die Menschen schätzen es nicht, wenn wir die eigene Initiative ergreifen. Und wenn ein Pferd sie abschmust, glauben sie nur, es sucht nach einem Leckerli. Sie verstehen uns machmal einfach nicht!”

“Also mein Herrchen mag es sehr, wenn ich ihm meine Liebe durch Schmusen zeige”, meldete sich die Golden-Retriever Hündin Bella. “Wenn er vor dem Fernseher sitzt, dann kuschelt er stundenlang mit mir, streichelt mich und freut sich, wen ich mich an ihn kuschle.”

“Das machst du aber dann ohnehin jeden Tag, Bella. Wir brauchen etwas, was die Menschen wirklich aus ihrem Alltag und ihren ganzen Gedanken aufrüttelt. Sie sind immer so weit weg. Immer in Gedanken und immer im Stress. Und dabei übersehen sie das Wesentliche.” Die Meersau Rudi blickte traurig in die Runde. “Sie übersehen das Innehalten, das Stillwerden, das Genießen der Anwesenheit eines lieben Wesens. In ihrer Hektik und ihrem Tun-Müssen haben sie kaum Zeit für die Liebe. Liebe ist für die Menschen etwas begrenztes, genau definiertes, mit vielen Regeln eingeschränktes. Sie haben genaue Zeiten, Orte, Menschen, Tiere, die sie lieben, wo sie lieben, wann sie lieben. Liebe ist nicht das Zentrum ihres Lebens. Es ist eine Beschäftigung wie Essen oder Zeitung lesen. Ich finde das einfach traurig!”

Die anderen Tiere sahen betroffen aus. “Das stimmt” rief das Kaninchen Stupsi. “Ich werde immer nach dem Abendessen auf den Schoß genommen und gestreichelt. Meine Menschen haben einen ganz genauen Zeitplan, wann sich die Kinder mit mir beschäftigen dürfen und wann nicht. Sie dürfen nicht einmal zwischendurch in den Käfig greifen und mich streicheln – weil dann müssten sie sich wieder die Hände waschen, um sich nicht mit Keimen anzustecken. Was sind das für Zärtlichkeiten, die nach einem genauen Zeitplan ablaufen!?”

Rudi machte einen Schritt auf die anderen Tiere zu. “Was wollen wir tun? Wie glaubt ihr, können wir das Herz unserer Menschen erreichen?” Die Tiere steckten die Köpfe zusammen und diskutierten eifrig. Es wurden Pläne geschmiedet, Theorien gewälzt, Ideen geboren und wieder verworfen. Es war schon dunkel geworden und die Tiere waren noch keinen Schritt weiter gekommen.

Auf einmal erhob sich der kleine Hamster Emil und sagte aufgeregt zu den anderen Tieren: “Ich habe eine Idee! Mir ist gerade etwas eingefallen: Am Weihnachtstag können die Menschen, die reinen Herzens sind, unsere Sprache verstehen! Ich kann mich an letztes Jahr erinnern. Plötzlich konnte ich mit meinem Frauchen sprechen! Sie hat mich verstanden. Es war so wunderschön! Ich habe ihr gesagt, wie lieb ich sie habe und dass ich den Käfig lieber in einer dunkleren Ecke stehen hätte, weil mich die Sonne oft aufgeweckt und geblendet hat. Und ich habe sie gebeten, mich öfter laufen zu lassen und mir den Bauch ganz sanft zu massieren, weil ich öfter Bauchschmerzen hatte. Und sie hat das alles getan! Es war mein allerschönstes Weihnachten. Ich fühlte mich so geliebt und willkommen und ernst genommen. Und ich habe das Gefühl, dass sich die Beziehung zu meinem Frauchen seitdem komplett gewandelt hat. Ich merke es an ihren Augen – sie sieht mich als denkendes Wesen mit Wünschen und Vorlieben! Das hat sie glaub ich vorher nicht getan.”

Die anderen Tiere sahen Emil einen Moment erstaunt an. Dann brach ein regelrechter Tumult aus. “Ich möchte auch mit meinem Frauchen reden können!” “Ich wünsche mir so lange schon ein anderes Halsband. Meines kratzt immer so am Hals. Das könnte ich Herrchen endlich erklären!” “Ich würde so gerne wieder einmal Fisch essen. Mein Frauchen gibt mir so selten welchen. Aber der schmeckt so gut! Vielleicht würde sie mir den Wunsch erfüllen!” “Mein Sattel drückt so und mein Frauchen versteht nicht, dass ich deswegen so steif gehe. Ich könnte es ihr erklären. Vielleicht gäbe es eine Lösung!” “Ich hätte so gerne wieder einmal Zuckerrüben. Ich habe schon jahrelang keine bekommen und sie schmecken mir so unendlich gut!” “Salat! Ich beginne schon von Salat zu träumen! Frauchen gibt mir so selten welchen. Ich könnte ihr erklären, wie sehr ich mich danach sehne!” “Ich vermisse meine Kinder so sehr. Vielleicht weiß Frauchen, wo sie sind und obs ihnen gut geht!” Die Tiere riefen durcheinander und stachelten sich gegenseitig mit Wünschen an, die sie an ihre Menschen hätten und was sie ihnen alles sagen wollten.

Stupsi blickte nachdenklich in die Runde. “Aber wenn mein Frauchen nicht reinen Herzens ist, dann kann sie mich nicht verstehen, oder? Was tue ich dann?” Stupsis Augen blickten auf einmal ganz traurig. “Ich würde ihr doch so gerne sagen, wie lieb ich die Familie habe und wie gut es mir gefällt, durch das Zimmer zu toben. Sie kümmern sich so gut um mich und ich kann nicht einmal danke sagen.”

Emil ging zu Stupsi und rieb zärtlich die Nase an seinem Fell. “Ich habe eine Idee! Wir müssen nur auf den Heiligen Abend warten. Unsere Menschen werden den ganzen Tag gestresst sein, beschäftigt mit Kochen und Geschenke-Verpackungen und Baum aufputzen. Am Abend sehen sie dann den Weihnachtsbaum, all die bunten Lichter, das Leuchten in den Augen der Kinder und die Freude beim Geschenke-Auspacken. Wenn alles vorbei ist, alles still und sie erfüllt sind vom weihnachtlichen Zauber und Funkeln, dann sprechen wir sie an. Glaubt mir, es kann funktionieren!”

Die Tiere hatten zwar noch ihre Zweifel, ob dieser Plan gerade bei ihren Menschen funktionieren würde, doch sie gaben sich gegenseitig Hoffnung und beschlossen, es einfach zu probieren.

Der HEILIGE ABEND

Hilde sank erschöpft auf die Couch. Der lange Tag war endlich vorbei. Alles war gut gelaufen. Die Kinder waren natürlich begeistert und wurden nicht müde, mit ihren Spielsachen zu spielen und die Schokolade vom Baum zu naschen.

Die Schwiegereltern hatten sich halbwegs friedlich verhalten. Die ganze Familie war schließlich müde ins Bett gegangen, nur Hilde war noch auf und wollte sich gerade die CD , die sie geschenkt bekommen hatte, anhören, als sie plötzlich ein Wispern hörte. Sie sah sich erstaunt um, konnte aber nur die beiden Meerschweinchen in ihrem Käfig entdecken. Rudi war ganz nah ans Gitter gekommen und sah sie erwartungsvoll an. “Na, kleine Rudi, hast du noch Hunger? Es gibt aber erst morgen wieder etwas.” Hilde wollte sich schon umdrehen, als sie plötzlich wieder die leise Stimme vernahm: “Bitte noch ein kleines Salatblatt. Mit leerem Magen kann ich so schlecht einschlafen.” Hilde ließ erschrocken die CD-Hülle fallen und Rudi machte einen Satz nach hinten. “Puh, du hast mich aber erschreckt!” Hilde schüttelte den Kopf und sagte zu sich selbst: “Ich bin wohl schon völlig übermüdet. Jetzt höre ich schon Rudi mit mir sprechen.” “Ich spreche wirklich mit dir. Weißt du nicht, dass zu Weihnachten die Menschen mit den Tieren sprechen können?” Hilde sah Rudi völlig erstaunt an. Langsam dämmerte ihr, dass ihr Meerschweinchen wirklich mit ihr sprach. “Könnte ich vielleicht das Salatblatt haben?” Rudi sah sie flehend an und Hilde ging in die Küche, um zwei Salatblätter für Rudi und Sepp zu holen. “Sag, du kannst wirklich mit mir sprechen? Das ist ja ein Ding! Da kann ich dich auch endlich fragen, ob es dich eigentlich stört, dass du Rudi heißt, wo du doch ein Weibchen bist.” “Ist nicht schlimm. Ich habe mich daran gewöhnt. Das ist ja nur der Name, den ihr Menschen mir gebt. Sepp nennt mich Sida. Sepp heißt auch nicht Sepp, ich nenne ihn Koni.” Hilde sah sie erstaunt an. “Ihr habt gegenseitige Namen für euch? Die sind ja viel schöner, als Rudi und Sepp. Sida und Koni. Klingt wirklich schön.” “Ich finde deinen Namen auch sehr schön – Hilde, das klingt so sanft. Ich mag deinen Namen. Aber ich wollte dir eigentlich unbedingt etwas sagen. Ich möchte dir gerne dafür danken, dass du es durchgesetzt hast, dass Koni zu mir kommt. Ich weiß, alle haben sich dagegen gesträubt, aber du hast gelesen, dass ein Meerschweinchen alleine unglücklich ist. Und du hast nicht locker gelassen, bis Koni gekauft wurde. Ich war so glücklich. Weißt du, das Leben in Einzelhaft war wirklich schrecklich für mich. Und Koni ist ein Lieber. Ich hab ihn ganz furchtbar lieb.” Hilde sah Sida liebevoll an. “Ich habe gemerkt, wie sehr du dich über Sepp – ich meine Koni – gefreut hast.” “Ich möchte dir aus tiefstem Herzen danken. Und ich möchte dir sagen, dass ich gerne bei Euch bin. Ich freue mich darüber, dass die Kinder lernen können, wie man mit Tieren umgeht und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Es ist nicht immer einfach, machmal sind sie etwas stürmisch. Aber sie schenken uns so viel Liebe und das ist schön. Du hast tolle Kinder. Und du bist auch eine ganz tolle, liebe Frau. Ich habe dich sehr, sehr lieb.” Hilde schaute ganz gerührt, voller Freude und Liebe auf Sida und Koni. Sie sah die beiden plötzlich in einem ganz neuen Licht. “Habt ihr irgendwelche Wünsche an mich, kann ich euer Leben irgendwie schöner machen?” Sida sah Hilde dankbar an. “Es wäre schön, wenn du uns länger und öfter frei im Zimmer laufen lassen könntest. Das macht so viel Spaß. Es ist der Höhepunkt unseres Tages.” Hilde versprach es und ging dann voll kindlichem Staunen und voller Liebe im Herzen ins Bett.

Bella konnte es kaum erwarten, bis Heinz am Heiligen Abend die Spazierrunde mit ihr drehte. Als sie ein paar Schritte gegangen waren, blieb sie stehen und sah ihr Herrchen erwartungsvoll an. “Was ist los? Komm, gehen wir weiter!” Bella sah ihn schwanzwedelnd mit großen Augen an. “Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe?” Heinz ließ vor Schreck fast die Leine fallen. Er blickte sich suchend um, konnte aber keine Menschenseele auf der Straße erkennen. Bella sah ihn weiter schwanzwedelnd an. “Ich habe das gesagt. Zu Weihnachten könnt ihr Menschen unsere Sprache verstehen. Du bist das beste, liebste, tollste Herrchen der Welt.” Bella sprang an Heinz hoch und schleckte ihm das Gesicht ab. Heinz war viel zu baff, um es ihr zu verbieten. “Ich hab dich so lieb. Ich hab dich sooo lieb. Du bist soo ein tolles Herrchen! Komm, spielen wir im Schnee. Bitte komm, das macht so viel Spaß”. Heinz ließt sich lachend von Bella in die verschneite Wiese ziehen und sie tobten ausgelassen durch den Schnee. Heinz hat sich lange nicht so jung gefühlt. Dann standen beide keuchend bzw. hechelnd in der Wiese und sprachen darüber, wie sie sich kennengelernt hatten, wie Bella sich als Welpe Heinz ganz zielstrebig ausgesucht und ihm nicht mehr von der Seite gewichen war, wie sie gute und schwierige Zeiten, Trauer, Verlust aber auch wunderschöne Tage, Urlaub am Meer, Ausflüge im Schnee gemeinsam erlebt hatten. Und sie sagten einander immer wieder, wie lieb sie einander hatten. An diesem Abend sank Heinz mit einem riesengroßen Lächeln auf den Lippen ins Bett und Bella machte es sich mit einem zufriedenen Seufzen in ihrem Bettchen neben ihm gemütlich.

Lisa, Marco, Stupsi und Max hatten auch ganz liebevolle Begegnungen mit ihren Menschen. Sie konnten ihre Wünsche anbringen und vor allem ihren Menschen endlich sagen, wie lieb sie sie hatten. In dieser Nacht veränderte sich etwas in dem Leben dieser Tiere und ihrer Menschen. Die Menschen sahen ihre Tiere danach mit ganz anderen Augen. Sie versuchten, mehr auf die Bedürfnisse und Wünsche der Tiere einzugehen, ihnen die Wünsche buchstäblich von den Augen abzulesen – und die Tiere dankten es ihnen so sehr. Mit lieben Blicken, Nasenstupsern, Anschmiegen, Abknuddeln, einem zufriedenen Gesichtsausdruck – einfach mit ganz viel Liebe und Dankbarkeit. Und wie durch ein Wunder sahen die Menschen seit diesem Abend die Welt mehr mit ihrem Herzen. Sie sahen, wie viel Liebe in ihrem Leben vorhanden war, welch wunderbare Menschen und Tiere mit ihnen ihr Leben teilten. Wie viel Liebe ihnen geschenkt wurde und wie viel Liebe sie schenken durften.

Es war die Nacht, in der ihr Herz wider die Führung in ihrem Leben übernehmen durfte und sie ihr Staunen, das Leuchten in ihren Augen und den Glauben an Wunder, die sie in der Kindheit verloren geglaubt hatten, wieder fanden.

WEIHNACHTSVORBEREITUNGEN

Heinz kramte genervt in einer Schachtel voller Christbaumschmuck. “Kann die goldene Kugel mit dem Jesuskind nicht finden!”, rief er in Richtung Küche, in der seine Frau Charlotte das Essen für den Weihnachtsabend vorbereitete. “Schau mal in der roten Schuhschachtel!”, klang es aus der Küche. Heinz machte seufzend die genannte Schachtel auf und wirklich, dort fand er seinen Lieblings-Weihnachtsschmuck, eine goldene Kugel, auf der ein süßes, lachendes Jesuskind abgebildet war. Vorsichtig nahm er die Kugel aus der Schachtel und hängte sie an den Baum.

Dabei fiel sein Blick auf Bella, die leise winselnd in ihrem Körbchen neben dem Weihnachtsbaum lag. Er ging zu ihr und streichelte sanft ihren Kopf. “Mäuschen, ist alles in Ordnung mit dir?? Soll ich mit dir zum Tierarzt fahren?” Bella sah ihn kurz an, doch Heinz hatte das Gefühl, sie sehe durch ihn durch, als würde sie ihn gar nicht richtig wahrnehmen. Sein Herz krampfte sich wie so oft in den letzten Tagen zusammen und er schüttelte besorgt den Kopf. Charlotte, die in dem Moment aus der Küche gekommen war, setzte sich neben Heinz auf den Boden neben den Hundekorb. “Glaubst du sie hat Schmerzen?!” fragte sie Heinz. Er zuckte mit den Schultern. “Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung. Der Tierarzt konnte auch nicht viel mehr sagen, als dass ich sie beobachten und falls sie Schmerzen anzeige, wieder zu ihm kommen soll. Wie kann ich bloß erkennen, ob sie Schmerzen hat? Sie winselt immer wieder aber ich weiß nicht, ob sie vor Schmerzen winselt oder ob sie im Schlaf träumt. Sie scheint so weit entfernt, als ob sie gar nicht richtig anwesend ist. Ich weiß nicht, ob es nicht besser ist, wenn wir heute noch mit ihr zum Tierarzt fahren und sie einschläfern lasen. Zu Weihnachten kann man doch sicher weit und breit keinen Tierarzt erreichen.”

Bei diesen Worten rappelte Bella sich auf und ging auf wackeligen Beinen zu ihrem Fressnapf, der in den letzten Tagen, seit dem sie so abgenommen hatte, immer mit den besten Leckerbissen gefüllt war. Sie nahm ein paar kräftige Bissen, schlabberte eine ordentliche Menge Wasser und ging dann schwanzwedelnd zu ihrer Leine. Charlotte lachte: “Ich glaube, da hast du deine Antwort. Sie will mit dir Gassi gehen.” Heinz stand lachend auf, legte Bella das Halsband um, nahm die Leine in die Hand und ging mit ihr auf die große Wiese hinter dem Haus. Bella trottete fröhlich vor Heinz her und schnüffelte einmal hier und einmal dort. Heinz konnte kaum glauben, dass es Bella so gut zu gehen schien, da sie in den letzen Tagen kaum von ihrem Körbchen aufstehen und nur mit großer Mühe ihr Geschäft im Freien erledigen konnte. Bella forderte Heinz schließlich sogar auf, mit ihr Stöckchen zu spielen und ganz vorsichtig spielte Heinz schließlich mit ihr im Schnee.

Als Bella außer Atem aber sichtlich fröhlich wieder in ihrem Körbchen neben dem Weihnachtsbaum lag, fiel Heinz der gemeinsame nächtliche Spaziergang am letzten Weihnachtsabend ein, als Heinz plötzlich Bellas Sprache sprechen konnte. Damals hatte Bella ihm gesagt, dass manche Menschen die Sprache der Tiere zu Weihnachten verstehen können. Stirnrunzelnd überlegte Heinz, ob es dieses Jahr wieder so sein würde. “Natürlich ist es wieder so”, vernahm er eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr er herum und konnte hinter sich nur Bella in ihrem Körbchen erkennen. “Du kannst mich nicht nur zu Weihnachten verstehen, doch du glaubst, dass du es nur zu Weihnachten kannst und deshalb kannst du es nur zu Weihnachten.” Bella klang leicht belustigt. Heinz setzte sich neben ihr Körbchen und sah sie erstaunt an. “Wie meinst du das?” Bella stupste ihn sanft mit der Nase an. “Ihr Menschen seid oft so kompliziert. Denkt, dass es auf der Welt diese und jene Regeln gibt. Dass alles nur nach strengen Gesetzen abläuft, Gesetze für die Natur, für den Straßenverkehr, für Hunde, für Kinder…, sogar Gesetze für die Liebe.” Heinz antwortete: “Ja aber wie soll es denn sonst funktionieren? Wie sollen wir sonst zusammenleben, wenn es keine Gesetze gäbe? Das ist doch notwendig. Der Straßenverkehr würde zusammenbrechen, wenn wir keine Gesetze hätten.” Bella seufzte. “Ihr übertreibt es aber ein wenig. Kannst du dich noch erinnern, als du eine Strafe zahlen musstest, weil ich im Park frei herumgelaufen bin? Du hast mit dem Polizisten diskutiert, dass keine Menschenseele im Park unterwegs war, doch er meinte nur, es ist ein Gesetz und deswegen musst du Strafe zahlen. Und kannst du dich noch erinnern, als du Charlotte kennengelernt hast? Sie war verheiratet und außerdem 5 Jahre älter als du. Du hättest beinahe nicht den Mut gehabt, ihr trotzdem deine Liebe zu gestehen. Nur weil deine Liebe gegen irgendwelche ungeschriebenen Gesetze verstoßen hat.” Heinz musste lächeln. “Du bist sehr schlau – nein, eher weise! Du hast schon recht, manchmal übertreiben wir es ein wenig mit unseren Regeln und Gesetzen.” “Ja, das tut ihr. Ihr schränkt euch dadurch enorm ein. Du kannst an jedem Tag mit Tieren sprechen, nicht nur zu Weihnachten. Was Du kannst, hängt immer davon ab, was du dir zutraust.” Fasziniert hörte Heinz seiner weisen Freundin noch längere Zeit zu. Er war verblüfft, wie treffsicher, schonungslos und gleichzeitig liebevoll Bella die Kompliziertheit der Menschen analysierte und Heinz darauf stieß, wie sehr sich viele Menschen selbst im Weg standen.

Irgendwann kam Charlotte aus der Küche und setzte sich zu den beiden neben den Korb. “Ist alles in Ordnung? Es ist so still bei Euch.” Heinz antwortet ihr lächelnd: “Wir philosophieren miteinander.” Charlotte lachte. “Das kann ich mir vorstellen, meine beiden Philosophen.” Lächelnd gab sie Heinz einen Kuss und kraulte Bella den Nacken. “Ich meine es ernst. Ich kann verstehen, was Bella sagt. Ich kann ihre Sprache verstehen, wie damals vor einem Jahr, am Weihnachtsabend. ich habe dir doch davon erzählt, kannst du dich erinnern?” Charlotte sah die beiden nachdenklich an. “Bist du dir sicher, dass du nicht mit dir selbst redest?” Heinz schüttelte vehement den Kopf. “Das sind nicht meine Gedanken. Sie sind so anders… Sie klingen anders und fühlen sich auch anders an!” Charlotte legte ihre Hand auf seine Schulter. “Ist ja gut. Ich glaube dir. Aber mich würde etwas interessieren. Könntest du Bella bitte fragen, wohin ich gestern Vormittag mit ihr gefahren bin?” Heinz nickte. Bella sagte wie aus der Pistole geschossen: “Wir waren am See und haben die Enten beobachtet!” Heinz sagte: “Bella sagt, ihr wart am See und habt die Enten beobachtet.” Charlotte sah ihn mit offenem Mund an. “Woher weißt du das?” Bella und Heinz kicherten im Chor und sahen sich vergnügt an.

Den Rest des Nachmittags probierte Charlotte, ebenfalls Bellas Sprache zu verstehen. Bella bemühte sich, ganz deutliche, klare Botschaften zu senden und Charlotte hatte schließlich das Gefühl, wirklich mit ihr kommunizieren zu können. “Das ist ja phantastisch. Wenn ich das bloß früher gewusst hätte…” Unwillkürlich stiegen ihr bei diesem Satz Tränen in die Augen. Bella schleckte ihr sanft über die Hand. “Sei bitte nicht traurig. Ich werde zwar bald meinen Körper verlassen, doch das heißt nicht, dass ich dann nicht mehr da bin. Ich bin bei euch, nur in einer anderen Form. Nur meine Hülle stirbt, ich bin unsterblich.”

Charlotte putzte sich geräuschvoll die Nase. “Natürlich bist du dann weg! Ich kann dich nicht mehr angreifen, nicht mehr dein weiches Fell berühren. Du wirst mir nie mehr über die Hand schlecken oder mir die Pfote geben, wenn du ein Leckerli möchtest. Nie mehr werde ich deinen Geruch im Haus riechen oder dein Hecheln hören oder dein Tapsen auf dem Boden. Das stimmt doch nicht, dass du dann noch da bist! Wie soll ich dich denn dann wahrnehmen?”

Bella legte ihren Kopf in Charlottes Schoß. “Kann dir nur sagen, wie es ist. Ich war schon oft in einem Körper und dann wieder ohne Körper. Es ist ein Kommen und Gehen. Wie die Sonne, die in der Früh kommt und am Abend wieder geht. Sie kommt und geht, immer und immer wieder, so lange du denken kannst. Und wenn es Nacht ist, dann weißt du doch, dass die Sonne da draußen irgendwo ist, auch wenn du sie im Moment nicht sehen kannst. Sie ist doch deswegen nicht weg, nur weil sie für dich unsichtbar ist. Weil du dich an ihren Stahlen nicht wärmen kannst!” Charlotte schüttelte den Kopf. “Aber so einfach ist es nicht! Du kannst doch den Tod nicht mit einem Sonnenuntergang vergleichen!” Bella schleckte ihr noch einmal über die Hand. “Doch, genauso ist es. Nicht mehr und nicht weniger. Ich werde meinen Körper verlassen, ihn hinter mir lassen wie eine alte Hülle, die mir zur Last geworden ist, die ich nicht mehr brauche. Ich lege die Hülle ab und alle Schmerzen, alle Beengtheit, alle Schwerkraft ist dann zu Ende. Und ich kann noch eine Zeit lang bei euch bleiben, ganz bewusst, weil ich es möchte. Bis es irgendwann o.k. ist, wenn ich gehe.” Charlotte schüttelte den Kopf. “Ich weiß nicht, ob es jemals für mich o.k. sein kann, dass du gehst.”

Bellas Heiliger Abend

Am Abend funkelten die Lichter auf dem Weihnachtsbaum. Charlotte und Heinz hatten Weihnachtsmusik eingelegt und saßen neben Bellas Körbchen auf dem Teppich, aßen den Weihnachtsbraten und fütterten Bella immer wieder ein Stückchen davon. Sie genossen einfach das Zusammensein und die Liebe zwischen ihnen.

Als sie sich alle drei satt gegessen hatten, richtete Bella sich auf und sah sie eindringlich an. “Ich möchte euch gerne etwas sagen: Ihr habt so viel für mich getan, wart mir so gute Menschen. Ihr hattet so viel Geduld mit mir, wenn ich störrisch war und überhaupt nicht folgen wollte. Wenn ich mich beim spazieren gehen taub gestellt habe und irgendwelchen Spuren gefolgt bin. Wenn ich den Müll auf der Suche nach Essbarem durchwühlt oder eure Schuhe als Spielzeug verwendet habe. Ihr wart immer so gut zu mir und habt für mich gesorgt. Doch jetzt habe ich eine große Bitte an Euch: Wenn ich meinen Körper verlassen haben werde, dann seid bitte nicht traurig. Ich werde euch spüren lassen, dass ich da bin. Vertraut darauf, dass ich bei euch bin. Und dann fahrt irgendwohin, wo es arme Hunde gibt und nehmt mindestens einen mit nach Hause. Gebt ihm mein Körbchen und meine Spielsachen, seid so liebevoll zu ihm, wie ihr es zu mir wart. Das wünsche ich mir von euch.”

Charlotte und Heinz knuddelten Bella mit Tränen in den Augen versprachen es ihr schließlich. Sie hatten das Gefühl, als würden Bellas Augen in diesem Moment so glänzen wie früher.

Lange noch blieben die drei an diesem Abend auf und schwelgten in Erinnerungen an früher. Als Charlotte und Heinz schließlich nach oben ins Bett gingen, fiel Bella in einen tiefen Schlaf, in dem sie all die schönen Momente mit ihren beiden Menschen noch einmal erlebte.

Fridolin

Charlotte und Heinz bogen die enge Einfahrt des Hofs ein und parkten ihr Auto auf einem der vorgesehenen Plätze. Noch immer unsicher, ob sie das Richtige taten, stiegen sie aus dem Auto aus und gingen auf eine Türe, die groß mit Eingang beschriftet war, zu. Charlotte zögerte und Heinz legte ihr den Arm um die Schultern. “Es ist die richtige Entscheidung, du weißt doch, worum Bella uns zu Weihnachten gebeten hat.” Charlotte wischte sich die Tränen aus den Augen. “Ich weiß nicht, ob ich das kann. Bella ist jetzt erst eine Woche tot und wir holen uns einen neuen Hund. Da ist doch wie ein Ersatz. Es kann keinen Ersatz für Bella geben.” Heinz schüttelte den Kopf. “Es ist auch kein Ersatz. Es wird niemals einen zweiten Hund wie Bella geben. Wir erfüllen nur ihren Wunsch”. Mit einem Seufzen trat Charlotte in das kleine Büro des Tierheims ein.

Kurze Zeit später befanden sich Charlotte und Heinz bereits auf einem Rundgang durch den Hof. Die Tiere wurden hier ganz gut gehalten, doch ihre Herzen schnürten sich zusammen, als sie all die Tiere sahen, die einen Besitzer suchten und hier im Tierheim warteten, ob sich nicht ein Mensch für sie finden würde.

Schließlich kamen sie zu einem Auslauf, in dem einige jüngere Hunde miteinander spielten. Sie sahen ein Weile zu und mussten über die übermütigen Halbstarken lächeln. Auf einmal bewegte sich ein schwarz-weißer junger Rüde mit Schlappohren auf die beiden zu, setzte sich vor den Zaun hin und sah sie durchdringend an. Charlotte flüsterte Heinz ins Ohr: “Schau mal, wie süß der ist. Glaubst du, er möchte mit uns kommen?” Wie als Antwort auf Charlottes Frage stand der junge Rüde auf, fixierte die beiden weiterhin und begann, wie wild zu wedeln und lief dann aufgeregt am Zaun auf und ab. Charlotte und Heinz sahen sich lächelnd an. Heinz sagte dann traurig: “Wenn Bella jetzt bloß dabei sein könnte.” Auf einmal spürte er ein Stupsen in der Kniekehle, genauso wie Bella ihn immer von hinten angestupst hatte. “Ich bin doch da! Das habe ich euch doch versprochen. Der Kleine möchte übrigens Fridolin genannt werden.”

Am Abend eroberte Fridolin sein neues Zuhause. Er erkundete Zimmer um Zimmer, spielte mit Bellas Spielzeug und kostet die Hunde-Leckerlis, die Bella am Schluss übrig gelassen hatte. Nur um Bellas Körbchen machte Fridolin einen großen Bogen und wagte es nicht, sich hin zu legen. Charlotte und Heinz mussten ihm eine Decke in die andere Ecke des Zimmers legen, erst dann legte er sich zufrieden darauf und schlief bald darauf ein.

Charlotte und Heinz beobachteten ihn lächelnd. Der aufregende Tag hatte den Kleinen sehr müde gemacht.

Als sie nebeneinander auf der Couch saßen und Fridolin beim Schlafen beobachteten, hörten sie plötzlich ein vertrautes Geräusch. Bellas charakteristisches, lautes Schnarchen drang eindeutig aus ihrem Körbchen. Charlotte und Heinz sahen sich lächelnd an und spürten tief in ihren Herzen, welche großen Wahrheiten ihnen Bella zu Weihnachten erzählt hatte.

In der Nacht hatte Heinz einen Traum. Er sah Bella über eine Blumenwiese laufen, leicht wie eine Feder, schnell wie der Wind. Mehr fliegen als laufen. Fridolin lief hinter ihr her, hatte aber keine Chance, sie einzuholen. Bella grinste über das ganze Gesicht und rief Heinz zu: “Es ist wunderbar. Ich fühle mich so frei und leicht! Bitte seid nicht traurig. Wir sind für immer zusammen, nur anders.”

Als Heinz Charlotte in der Früh seinen Traum erzählte, sagte sie mit Tränen in den Augen: “Sie war schon immer ein Engel. Jetzt ist sie zu Hause!”

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